Unendlicher Spaß – Eine Art Geständnis

Ich habe eine gelegentlich seltsam anmutende Faszination für absurde Spektakel. Meine Freude darüber ist mitunter so groß, dass ich übersehe, dass es anderen nicht ebenso geht. Bis ich plötzlich in Erklärungsnot gerade, unverständige Blicke auf mich gerichtet ab und an gar verächtlich schauend. Es fällt mir auch immer schwer zu begreifen, dass sich kaum jemand begeistern lässt für alltäglich Absurditäten. Dass da keiner mit mir hingehen mag auf Oktoberfeste, Fußballfinale, Madonnakonzerte, Autotunigtreffen, New Faces Awards, Erotik- und Kunstmessen etc.
Etwa genauso wie eine Freundin von mir in der Sauna eingehend Penisformen, -größen, -beschaffenheiten und die entsprechenden Hodensäcke studiert und sich hinterher wundert, warum das andere nicht gleichsam intensiv fast schon wissenschaftlich forschend tun und warum keiner ihre Begeisterung ob neuer Erkenntnisse teilen mag, werde ich nahezu oberlehrerhaft zurechtgewiesen, wenn ich vor Begeisterung ob meiner Erlebnisse beim Madonna Konzert letzten Donnerstag in der Berliner O2-World fast platze.
Vielleicht ist es so, dass die Euphorie mit der Zeit nachlässt, dass die Penisse alle studiert sind und die absurden Veranstaltungen alle besucht. Vielleicht ist es aber auch so, dass die Begeisterung immer kleinteiliger wird. Ich das nächste Mal beim Lady Gaga Konzert in der O2-World den Fokus meines Interesses darauf richte, inwiefern die Farbe der Lippenstifte der Gattinnen der Sponsoren zu den Logos der Unternehmen passen, die Premium Suiten im Stadion belegen.
Es ist nämlich anzumerken, dass mein Interesse nicht unbegrenzt ist. Der Standpunkt meiner Beobachungen muss von Beginn an ein erhöhter sein. So stehe ich auch nicht mit den Fans unten vor der Bühne oder sitze auf einem der Plastikklapplätze, sondern auf einer Ledercouch in einer Premium Suite, bei Catering, gefülltem Kühlschrank, die Zigarette zwischen den Fingern. Ebenso interessiert mich auch nicht der Besuch einer Kunstmesse oder Galerie, sondern die Besucher, die zu den VIP-Veranstaltungen kommen. Ihr Gebaren, ihre Inszenierung – ich bevorzuge einen bequemen, erhöhten Standpunkt am Rand der Veranstaltung und sauge alle an mich herangetragenen Informationen gleichsam in mich auf. Ich bin die geborene teilnehmende Beobachterin!
Pierre Bourdieu, der einer der Forscher war, die sich sehr für Forschungsgegenstände jenseits des Mainstream begeistern konnten, zitiert in Eine illegitime Kunst. Die sozialen Gebrauchsweisen der Fotografie Max Weber, dass der Wert eines Forschungsgegenstandes vom Interesse des Forschers abhängt. So einfach ist es also, wenngleich wir auch wissen, dass in allen Gesellschaften und zu allen Zeiten die legitimen Untersuchungsgegenstände einer hierarchischen Ordnung unterliegen, ich mich also innerhalb tradierter Grenzen mit meinen Vorlieben ins Abseits katapultiere – was auch erklären mag, dass ich bislang keiner Fördergelder für meine abstrus anmutenden Forschungsvorhaben aquirieren konnte.
Zurück zum Thema: Wie schreibt man nun eine Kritik, die sich auf das Geschehen konzentriert und sich nicht sofort auf einer Metaebene verliert? Gar nicht!? Was gibt es schon zu sagen, zu Madonna, außer, dass sie über 50 ist und wie eine junge Gazelle auf der Bühne herumhüpft und das was sie tut zur Perfektion gebracht hat. Dass es auch erstaunlich ist, was ein Mensch für eine Aura um sich schaffen kann. Die einem mithilfe dröhnender Bässe und blitzender Licht- und Bildinstallationen ins Hirn gedroschen wird. Leute, so funktioniert sie, die Welt, so instrumentalisiert und betäubt sie das Individuum und Madonna hat es verstanden und weiß es perfekt zu bedienen. That’s all. Und es ist überall das gleiche, wenn auch unterschiedliche Geschmäcker bedient werden. Eine Oper, nannte es Helene.
By the way… Einige meiner Toperlebnisse soweit:

Einige VW und Opel Tuningtreffen in Norddeutschland (zwischen 1997 und 1999)
Sämtliche Eröffnungen und Professional Previews von Kunstmessen – am liebsten immer Art Basel (2000-2008)
Studentenverbindungsparties!!!! (2000-2008)
Der New Faces Award in Düsseldorf (2009)
Mitte Wiesn – Das Berlin Mitte Oktoberfest (2009)
Eröffnungen der Berlin Biennalen (2006 – 2012)
Sämtliche Fashionweeks von Paris bis Berlin (2008-2012)
Eröffnung der Ehemaligen jüdischen Mädchenschule (2012)
Madonna Konzert (2012)

Mein Traum: Überall dort hinzukommen, wo auch Vogue.de ist. Am liebsten würde ich Vogue.de einfach immer begleiten und beobachten.
Auch toll: Eine Weile in einem oberbayerischen Dorf leben. Ich bin da nicht sehr selektiv. Hauptsache eine Sache erscheint als Groteske ihrer selbst. Das Neuköllner Hipstertum gehört z.B. auch fast dazu – nur langweilt mich das auf Dauer zu sehr. Vielleicht, weil es a) meiner Lebenswelt zu nahe ist und b) sich von Beginn an als Persiflage begreift, letztlich aber in dieser aufgeht. Insofern ist der Hipster eine gescheiterte Groteske und für mich auch nicht mehr spannend.
Der Grad zwischen Sympathie und Ablehnung ist besonders in diesem Fall ein sehr schmaler. Das Spaßfenster einer nur sehr kleines. Meine Entzückung groß, wenn es getroffen wird und oft der Rechtfertigungskampf jede Minute wert. Denn der ist unbedingter Bestandteil. Sonst wäre ich ja auch nur ein Madonna-Fan, “wie alle anderen”. Ich habe aber dieses kleine sozialpsychologische Analyseding in mir, dass mit einerseits das köperliche Amüsement verbietet, mich auf intellektueller Ebene aber umso mehr beglückt und das ist es, worum es mir geht. Eine Art Hirnfick. Insofern hatte ich wohl bei Madonna eine Art dreifachen Hirn-Orgasmus oder so. Ein Artikel in der Süddeutschen bringt alle Absurditäten des Tages auf den Punkt.

Kleine Hirn-Orgasmen bereiten mir übrigens auch meine neuen Schuhe (s.o.). Die sind vollkommen herrlich absurd. Von außen sehe ich natürlich nur aus wie eine trendverseuchte Tante, die sich die Original Isabel Marant Schuhe nicht leisten kann und gelegentlich gern auf Madonna-Konzerte und Eröffnungen von Kunstmessen geht. Aber die Leser meines Blogs kennen nun das Geheimnis dieser Hipster-Scheiße. Auf eine absurde Weise meine ich alles verdammt ernst.



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