Apple: Die Wahl zwischen Pest und Cholera.
Jeder, der einmal in die Applefalle getappt ist, kennt das Problem: Es geht nicht wieder zurück. Die überkompatible, metallene Glitzerwelt des kalifornischen Apfels überstrahlt alles Anderes. Das Außen der übergestylten Plastikrechner, Papptelefone und klobigen Handhelds wird plötzlich zur unerträglichen Hölle, ein bisschen wie Pest und Cholera zusammen. Meine Mutter, seit Weihnachten eine glückliche iPhone Nutzerin, lässt sich mittlerweile jagen mit allem anderen. Man kennt das…
Doch ist es auch leider so, dass Apple eben eine Falle ist, deren unüberwindbare Maueren in kühlem Metall verführerisch strahlen. Man könnte es auch goldener Käfig nennen. Zwar steht die Tür offen, doch draußen warten, wie gesagt Pest und Cholera gemeinsam. Hier drinnen können wir uns Applejünger wenigstens für eines von beidem entscheiden.
Letzte Woche nun stellte der vermeintliche Messias seine neuesten Modelle vor. Ein schneidiges neue Macbook mit Retina-Display ist auch dabei. Der heiße Scheiß, könnte man auch sagen. Der neue Superrechner ist zudem auch noch praktisch und schlank, kann allerlei fantastische Computerdinge und ist deswegen auch ein bisschen teurer. Bislang gibt es ihn nur als 15”er. Ich bin mir sicher, dass er demnächst auch als 13”er – die beliebteste Größe unter den Applenutzern – auf den Markt kommen wird. Das klingt jetzt erstmal – abgesehen vom Preis – alles total super. Ein Hybrid aus MacBook Pro und MacBook Air. Die Leistung des Großen verpackt in der Hülle des Kleinen. Ein Traum! Denn mal ehrlich. Am liebsten hätten wir immer das ganze Büro dabei. Nur tragen will es eben keiner. So ist das Gewicht des Air immer ein guter Kompromiss gewesen. Nun erscheint die Erfüllung unserer Träume in greifbarer Nähe.
Auch vor gut einer Woche brachte uns WIRED ein bisschen unsanft auf den Boden der Tatsachen zurück. Dort beschrieb Kyle Wiens in einem lesenswerten Artikel das neue Retina MacBook als unfixable, unhackable und untenable. Zu Deutsch: Das Ding ist was es ist und lässt sich nicht nachträglich umbauen oder erweitern. You get what you see. Alles ist irgendwie miteinander verschweißt, verklebt und selbst die Batterie lässt sich nicht ohne weiteres austauschen – wir kennen das schon seit dem iPhone. Die sukzessive Innovierung der Apple-Produktreihe geht mit einer Entmündigung des Nutzers einher, die, so Wiens in WIRED, immer als Choice verkauft worden ist. So auch letzte Woche. Die bekannte MacBook Pro Reihe gibt es noch. Aber jetzt gibt es eben auch nocht dieses neue geile Teil, das einerseits mehr kann, schlanker und leichter ist, andererseits den Kunden aber zunehmend an das Unternehmen Apple bindet (egal was ist, das Ding muss eingeschickt werden). Wiens schreibt: Once again (beim Air war es auch schon so!), with another product announcement, Apple has presented the market with a choice. They have two professional laptops: one that is serviceable and upgradeable, and one that is not. They’re not exactly equivalent products — one is less expensive and supports expandable storage, and the other has a cutting-edge display, fixed storage capacity, and a premium price tag — but they don’t have the same name just to cause confusion. Rather, Apple is asking users to define the future of the MacBook Pro.
Und eben hier sind wir am Entscheidungspunkt angekommen, der eben keiner ist. Nehme ich als felxibler, moderner, beweglicher Mensch des schwere, billigere Ding, das weniger kann, dafür aber von mir selbst aufgerüstet werden kann oder nehme ich das superleichte Edelteil, das ich bequem überall mit hin nehmen kann, das aber nichtmal eine auswechselbare Batterie besitzt? Ich jedenfalls habe mich für ein AIR entschieden weil ich irgendwann feststellte, dass ich mein MacBook Pro, das ich gekauft hatte, um mobil arbeiten zu können, nicht immer mit mir rumschleppen wollte…
Der Text von Wiens impliziert, dass der Nutzer tatsächlich eine Wahl hätte: Apple has consistently introduced thinner, lighter products. They learn from experience. They react to their customers. They’re very adept at presenting us with what we want. And they give us options from time to time and allow product sales to determine their future designs. Und: We have consistently voted for hardware that’s thinner rather than upgradeable. But we have to draw a line in the sand somewhere. Our purchasing decisions are telling Apple that we’re happy to buy computers and watch them die on schedule. When we choose a short-lived laptop over a more robust model that’s a quarter of an inch thicker, what does that say about our values?
Ich für meinen Teil kann sagen, dass meine Priorität bei einem schlankeren, leichteren Modell liegt, ich dieses aber liebend gern auch upgradable und NOT dying on schedule hätte. Nur habe ich nicht die Wahl, denn das Produkt gibt es nicht. Was sagt dann die Wahl für das leichtere, sterbende Modell über meine Werte aus? Nichts, nur, dass ich mich für Pest statt Cholera entschieden habe. Wiens schließt mit den Worten: Every time we buy a locked down product containing a non-replaceable battery with a finite cycle count, we’re voicing our opinion on how long our things should last. But is it an informed decision? When you buy something, how often do you really step back and ask how long it should last? If we want long-lasting products that retain their value, we have to support products that do so. Today, we choose. If we choose the Retina display over the existing MacBook Pro, the next generation of Mac laptops will likely be less repairable still. When that happens, we won’t be able to blame Apple. We’ll have to blame ourselves.
Und ich frage mich, ob da nicht einer schreibt, der sich nicht traute, die Dinge einmal wirklich beim Namen zu nennen. Apple ist ein kapitalistisches Unternehmen, dass seinen Wettbewerbsvorteil gekonnt zu nutzen weiß. Mir als Nutzer nun die Entwicklung des Unternehmens in die Schuhe schieben zu wollen, finde ich an diesem Punkt eine Tatsachenverschiebung, weil ich nicht wirklich eine Wahl habe, außer der, eben keine Apple Produkte mehr zu kaufen.
Aber ist das auch eine Wahl? Das Problem liegt einmal mehr sehr viel tiefer. Fakt ist, dass ein kapitalistisches System keine Wahlmöglichkeiten bietet, diese immer nur als solche verkauft werden, um dem Nutzer eine gewisse Freiheit zu suggerieren. Ich könnte z.B. einfach keinen neuen Computer kaufen. Und meine Text künftig mit der Hand schreiben. Da das keine wirkliche Alternative ist, drücke ich ein wenig zähneknierschend den Buy Button im Apple-Onlineshop und beginne mich auf meinen neuen AIR zu freuen, den ich nach 300 mal Aufladen dann eben einschicke, um eine neue Baterie einbauen zu lassen. Dafür kann ich dann weiterhin morgens im Bett antikapitalistische Texte tippen. Es ist schon echt ein Witz!
Foto: Ab heute gibt es bei FREITAG neue Mac Air® Sleeves.



























