Gender: Die Folge der Frauenquote für die Seele der Männer

Der heute in der FAS erschienene Artikel mit dem Titel Lauter verlorene Männer erhitzte bereits früh am Morgen die Gemüter. Statusmeldungen unterschiedlichster Coleur poppten überall bei Facebook auf und auch die Frage, wie wohl Kristina Schröder auf den Artikel reagieren wird. Interessant auch die Stimmen, die zaghaft nach der Wurzel des Übels fragten. Männer vor allem, aber auch Frauen, die sich, wie ich, in der Diskussion um die Quote nicht recht repräsentiert fühlen.

Im wütenden Diskurs scheint es nur zwei Positionen zu geben. Die der vehementen Quotenbefürworter und die der nicht minder vehementen Gegner. Weitere Standpunkte scheinen nicht vorgesehen zu sein. An anderer Stelle schrieb ich vor wenigen Tagen: Ich bin 31, kapiere, dass wir in einer männerdominierten Welt leben, möchte für meine Leistung anerkannt werden, finde Kristina Schröder scheiße und stehe weiterhin dazu, Quotengegnerin zu sein. Auch habe ich es satt als irgendwie uninformiert, realitätsfern und/oder patriarchatssympatisierend abgestempelt zu werden, nur weil ich Quoten generell kacke finde! Sprechen die Quotentanten denn überhaupt mal mit Männern, wie denen das geht mit der Quote? Es ist ein Problem des SYSTEMS und nicht etwas, was uns armen Frauen die bösen Männer antun. Klar gibt es Männer, die im Patriarchat voll auf ihre Kosten kommen. Ebenso gibt es Frauen, die nichts ändern würden. Die Polarisierung in Männer und Frauen geht mir sowas von auf den Sack! Wie wäre es denn, wenn sich mal all die, die ein Problem mit herrscheden Ordnungen haben zusammentun und daran etwas ändern und das UNABHÄNGIG vom Geschlecht!?

Anlass war ein Interview mit Sybille Berg, das Carmen Rüter auf ihrer Seite veröffenlich hatte. Darin sagt die Berg: Früher als ich jung war, dachte ich genauso, wie die jungen Frauen, die heute gegen eine Quote sind. Mit 30 kapiert man noch nicht, dass wir in einer männerdominierten Welt leben, du denkst: Ich will für meine Leistung anerkannt werden – aber nein, das ist Bullshit, sie lassen dich nicht mitspielen.
Wenn man der von  im FAS Artikel geschilderten Realität Glauben schenken mag, dann sieht diese ein bisschen anders aus. Aus Angst vor der Quote, heißt es darin, So haben die Dax-Konzerne den Beweis zu erbringen, dass sie es ernst meinen mit den Quoten, die sie sich freiwillig gegeben haben. Um eine gesetzliche Quote aus Berlin oder Brüssel zu verhindern, befördern sie Frauen, wo es geht.

Aber ist es tatäschlich das, was wir wollen? Ich glaube der im Artikel zitierten Anette Wahl-Wachendorf, Chefin des Verbands der Betriebs- und Werksärzte, wenn sie prophezeit Resignation, Angst und Zynismus der Männer am Arbeitsplatz werden ein Riesenthema. Einzig problematisch finde ich den auch hier wieder ausgehobenen Graben zwischen den Geschlechtern. Erst sind es die bösen Männer, die die Frauen in ihren Männerclubs nicht mitspielen lassen und morgen sind es die unqualifizierten Frauen, die aufgrund irgendwelcher Quoten, bzw. Quotenverhinderungsprogrammen die Wirtschaft den Bach herunter treiben und die Männer in die Depression.
Wie wäre es denn, wenn die Energie, die in diese bloß problemverschiebende Quotendiskussion lieber in das Schaffen gleicher Ausgangsbedingungen investiert werden würde? Wenn z.B. biologische Gegebenheiten nicht länger als hinderlich betrachtet, sondern in ihrer je eigenen Qualität gewürdigt werden. Und damit meine ich als Gegnerin des biologischen Determinismus tatsächlich NUR die Tatsache, dass Frauen eben Kinder bekommen und Männer nicht. Wie realitätsnäher und fruchtbarer (!) könnte eine Diskussion sein, die auf der Basis einer vernünftigen und gleichberechtigten Kinderversorgung geführt werden würde? Die z.B. ein Steuersystem, dass eine klassische Geschlechterverteilung förmlich zementiert infrage stellt?

Mir kommt es immer so vor, als würden längst untergehende Schiffe beschossen werden. Da ist dann die Rede von Männerbünden, frauenausschließenden Netzwerken und Bordellklüngeln. Ich sage nicht, dass es das nicht gibt, aber im Ernst, WIE entscheidend sind diese wirklich, wieviele von diesen Zusammenschlüssen spielen heute in der faktischen Realität eines jungen Menschen an der Schwelle ins Berufsleben tatsächlich eine Rolle. Dass vieles über Beziehungen läuft, daran wäre auch nichts anders, wenn die Vorstände rein durch Frauen besetzt wären. Man arbeitet eben am liebsten mit denen zusammen, die man kennt und das waren bislang immer die Männer. Und ich denke nicht, dass es daran liegt, dass Männer etwas gegen Frauen haben, sondern dass tatsächlich keine Frauen da waren, die überhaupt hätten in Betracht gezogen werden können und das liegt auch wieder nicht daran, dass es Frauen sind, sondern, dass sie aufgrund ungleicher Startbedingungen gar nicht erst auftauchen konnten.

Und es ist ja auch nicht so, dass es keine Frauen in Vorständen gibt. Nur sind das solche, die irgendwann für sich entschieden haben, den Männerweg zu gehen. Dass immer wieder der schmierige, frauenfeindliche, bordellbesuchende Vorstandvorsitzende aus dem Hut gezaubert wird, nervt. Gibt es dafür empirische Belege, wieviele von diesen Typen bestimmen, wohin es mit der Gesellschaft geht? Das wäre doch zu einfach! Die Realität sieht anders aus, auch wenn es immer wieder Berichte über solche Typen gibt. Aber ebenso gibt es doch auch Berichte über erfolgreiche Frauen, wenn auch viel weniger…

Was ich sagen möchte. JA, es ist schwieriger für Frauen in einer männerdominierten Welt gehört zu werden. Aber es ist auch für viele Männer schwer, in einer männerdominierten Welt. Wieso schaffen wir dann nicht einfach die männerdominierte Welt ab, statt mit der Quote ein krüppeliges Stützrad an ein marodes System zu schrauben? Mein Vorschlag wäre beim absolut untragbaren Ehegattensplitting im Steuersystem zu beginnen und das Kinderkrippenwesen auszubauen. Rein institutionell müssen gleiche Ausgangsbedingungen für die Geschlechter geschaffen werden (was nicht zu verwechseln ist mit gleichen Rechten!). Wenn das alles nichts bringt, dann können wir gern nocheimal über eine Quote reden, in ein paar Jahrzehnten, wenn dann auch der letzte schmierige Vorstandsbock das Zeitliche gesegnet hat.

Ergänzung:

Ich bin mir der Schwierigkeiten der von mir geforderten Änderungen durchaus bewusst. Viele argumentieren, dass erst eine Quote die Ausgangsbedingungen für eine solche Diskussion schaffen würde. Das mag sein. Nur befürchte ich eher, dass dann die Quote von den Anhängern eines Status-Quo als Argument genutzt werden wird, weiteren Veränderungen im Weg zu stehen. Ich möchte mich für eine Fokussierung auf das Wesentliche stark machen. Ich bin keine Politikerin und möchte das auch nicht sein. Ich würde nie aktiv GEGEN eine Quote operieren, obwohl ich klar Quotengegnerin bin. Ich enthalte mich der Stellungnahme und lenke den Blick auf die Wurzel des Übels.

Foto: Friedrich-Ebert-Stiftung



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