Essay: Tod des Netzes
Im Feuilleton der ZEIT vom 03. Mai 2012 versucht Thomas Assheuer die Verknüpfung von Theorie und aktueller politischer Praxis. Genauer, er geht gemeinsam mit Foucault, Barthes und Co. im Hinblick auf die durch die Piratenpartei maßgeblich angestoßene Debatte um das Urheberrecht der Frage nach, ob die moderne Gesellschaft, bzw. die digitale Welt, das Subjekt verschluckt. Um die Antwort vorwegzunehmen: Jein. Doch wie kommt’s?
Es ist dem Geschichtsverlauf inhärent. Der zum Individuum gewordene (moderne) Mensch ist ganz auf sich selbst zurückgeworfen; er erfährt sich selbst als begrenzt und ohnmächtig. Statt eingebettet in eine Sippe zu leben und als Teil eines großen Ganzen, als Glied einer langen Kette zu fungieren, ist er selbst ein – freilich nur kleines – Ganzes. Und weiter: Das Individuum kann sich nicht damit trösten, in einem nahezu unsterblichen Familienkörper aufzugehen, sondern es weiß: Alles, was es hat, ist sein kurzes, verletzliches Leben. Dabei ist das von Wolfgang Ullrich in Habenwollen geschriebene nicht als sentimentale Sehnsucht nach einem vermeintlich geborgenen Leben im trauten Großfamilienkreise gedacht, sondern als simple Erläuterung. Egal wie es damals war, der Mensch war so sehr in Hierarchiestrukturen eingebunden, dass er kaum die Freiheit hatte, sich nach einer selbstbestimmten Stellung innerhalb eines gesellschaftlichen Systems umzusehen. Ein wenig tragisch nun, dass es eben die Sehsucht nach dieser Freiheit ist, die uns letztlich diese heute vor uns stehende Suppe eingebrockt hat. Statt fröhlich unsere selbstbestimmten Plätze einzunehmen, realisieren wir vereinsamt, dass wohl zum entspannten Leben noch ein bisschen mehr gehört, als das Herauskämpfen aus einengenden Strukturen. Das Thema ist groß und weit und identisch mit der Geschichte menschlicher Gesellschaften und soll hier nicht weiter intensiviert werden. Denn es geht um den Autor und um dessen (Nicht-)Existenz. Denn – anders als es die Texte implizieren – stirbt da keiner, sondern es hat ihn niemals gegeben, den großen allmächtigen Autor, so jedenfalls Foucault und Barthes.
TOD DES AUTORS – Was wie ein catchy Slogan daherkommt ist in Wahrheit eine hochintellektuelle Auseinandersetzung, der sich aufgrund der Fluffigkeit des Titels gern entzogen wird. Assheuer behauptet nicht, dass sich die Piraten auf ihre theoretischen Vorfahren beziehen, vielmehr sieht er, dass sie es nicht tun. Bei den Piraten kommt immer alles so daher, “>als sei es vollkommen neu und als seien die Alten Hasen nur ein wenig zu blöd und verfahren, um auf den Fortschrittszug aufzuspringen. Dabei haben sie viel von dieser überheblichen Naivität der Anfang Zwanzigjährigen (die Persönlichkeit der Partei ist auch die eines eben der Pubertät Erwachsenen). Aber vielleicht ist es gerade das, was sie wiederum so spannend macht. Vielleicht manifestiert sich in den Piraten die Sehnucht nach Übersichtlichkeit, nach dem Aufgehen in der Geborgenheit einer großen (Netz-)Familie, in der sich alle lieb haben, sich die Grenzen öffnen ohne hinderliche, künstliche Begrenzungen, wie z.B. dem (lästigen) Urheberrecht.
Wie passt das jetzt aber mit Foucault und Co. zusammen? Ein Blick in die Originaltexte lohnt sich. Mitnichten feiert Foucault in Was ist ein Autor, den Tod desgleichen. Vielmehr geht es ihm darum, seinen spezifischen Zugang zu Literatur zu verdeutlichen. Ihn interessieren die Funktionsbedingungen bestimmter diskursiver Praktiken. Kurz gesagt, es geht eher darum, den Autor von seinem ehrwürdigen Thron zu stoßen. Im Zentrum des Interesses steht WAS innerhalb eines bestimmten kulturellen Kontextes gesagt wird und weniger das WER es sagt. So findet eher eine Verschiebung, denn eine Auslöschung statt. Daraus den Tod des Autors zu machen kommt der berühmten Ausschüttung des Kindes mit dem Bade gleich. Denn natürlich bleibt noch immer die schreibende Hand, der denkende Kopf, eben das Subjekt, das schreibt, wennauch nicht aus einer Allmacht heraus, sondern aus der individuellen kulturellen Verflechtung.
Das, worum es mir geht, ist eine Dämpfung so wichtiger Aussagen, wie der von Martin Heidegger, die auch Assheuer in seinem Text zitiert: Der Mensch spricht nicht selbst, er wird gesprochen – er ist die Sprache, die ihn spricht. Allerdings würde ich im folgenden widersprechen (oder es widerspricht durch mich). Da heißt es bei Heidegger: Stumm wird der einzelne in das Gemurmel der Worte hineingeboren, in Traditionen und Weltbilder, und diese Gemurmel wird ihn überleben. Ja und Nein. Dies kommt einer völligen Entmachtung des Subjekts gleich. Denn selbst wenn Nietzsche den Menschen als Irrtum der Natur bezeichnet, dann ist das in erster Linie eine Meinung, die man annehmen oder verwerfen kann. Die unumstößliche Tatsache bleibt, dass da jemand als Mensch IST, sei er nun Irrtum oder nicht, der allein durch seine Existenz den Lauf der Dinge verändert und damit auch das kuturelle Gemurmel. Gleichwohl waren all diese Theorien, von denen Assheur noch weitere anfführt essentiell, um die Macht und Herrlichkeit des Subjekts infrage zu stellen, doch sind auch das wieder Theorien, die innerhalb eines bestimmten kulturellen Kontextes entstanden sind, erdacht und aufgeschrieben von Menschen, die innerhalb diesen agiert haben.
Interessant finde ich an dieser Stelle den Vergleich zwischen Text und Selbstporträt. So ist im Grunde ein Text nichts anderes als eine Darstellung desjenigen, der ihn geschrieben hat. Der Text kann somit auf vielfältige Weise sprechen (und hier kommt der von Barthes eingeführte Leser ins Spiel). Aus einer spezifischen Ansammlung von Worten werden neben der Aussage auf phänomenologischer Ebene auch solche über den Autoren, darüber wie er sich sieht, wie er gesehen werden möchte und über das soziale Feld, in dem er sich bewegt. Das betrifft jeden Text, egal ob literarisch oder wissenschaftlich. Jemand, der sich damit genauer befasst hat ist Bourdieu
. Wenn die Piraten nun in ihrem Parteiprogramm sagen, dass weil ein Künstler in seinem Werk auf den öffentlichen Schatz an Schöpfungen zurückgreife, sein Werk bloß eine Rückführung vorgefundener Symbole in den öffentlichen Raum sei, dann betrachten sie ein Werk (sei es ein Text oder was auch immer) allein auf seiner phänomenologischen Ebene. Genauso gut könnten sie sagen, dass ein Text aus Buchstaben besteht und der Künstler diese ja auch nicht erfunden hat und daher sein Werk eben allen gehöre, weil auch allen die Buchstaben gehören.
Wenn für die Piraten tatsächlich, wie Assheuer schreibt, die Spekulation über das Verschwinden des Autors prophetisch war, dann haben sie irgendwann im Laufe ihres Studiums nicht aufgepasst oder waren gerade in irgendwelchen virtuellen Traumwelten unterwegs. Denn worum es geht, ist – wie schon gesagt – eine Verschiebung und kein Verschwinden. Im Grunde katapultieren uns die Piraten mir ihrer Vorstellung vom Umgang mit dem Urheberrecht zurück ins Mittelalter (Vgl. hierzu die Passage zu Elena Esposito in Assheuers Text). Denn während z.B. Foucault den Fokus vom Erschaffer auf seinen Kontext VERSCHIEBT, halten die Piraten an diesem fest, indem sie ihn auflösen. Was bei Foucault eher zu einer Konturierung des Autors führt, wird bei den Piraten zu einem Verschwinden.
Kommen wir zurück auf meinen kleinen anfänglichen Exkurs in die Kulturgeschichte der Moderne. Die Moderne ist im Grunde nichts anderes als ein Prozess der zunehmenden Befreiung. Allerdings stellt sich diese etwas anders dar, als gedacht. Der in sozialen Strukturen Gefangene ist kaum gezwungen, sich Gedanken darüber zu machen, was er will – es wird für ihn gewollt. Der freie Mensch muss wissen wer er ist, um zu wissen, was er will. Da liegt das Problem. Aus der Freiheit man-selbst-sein-zu-wollen ist der Überlebenszwang man-selbst-sein-zu-müssen geworden. Jeder Schritt mehr Freiheit brachte ein bisschen mehr Zwang mit sich, jedenfalls für den, der nicht in der Lage war, sich über den Zustand zu emanzipieren. Dass das mit dem sich-selbst-sein keine einfach Angelegenheit ist, wissen wir spätestens seit Freud. Und da passt auch die Aussage Heideggers rein. Der Mensch spricht nicht selbst, er wird gesprochen – er ist die Sprache, die ihn spricht. Der Mensch ist nicht Herr im eigenen Haus, sondern ein Zusammenspiel diverser ihn individuell ausmachender Psychodynamiken – wir kennen das.
Was nun die Piraten machen ist, die Errungenschaft – man mag sie mögen oder nicht – der Moderne über Bord zu werfen. Statt die Freiheit des Individuums zu würdigen, es in seiner Eigenheit anzuerkennen, zu ermutigen wird es schlichtweg platt gemacht. Die je spezifische Eigenheit, das je besondere Eingebettetsein in kulturelle Kontexte wird dem Individuum abgesprochen zugunsten einer symbiotischen Netzverschmelzung. So ist der Kampf Sven Regner gegen die Piraten nicht zu vergleichen mit dem den Foucault gegen die Denkweisen seiner Zeit kämpfte. Sven Regner steht für den Urheber der seine bis dato funktionierende Ordnung an der Schwelle zu etwas Neuem bedroht sieht (zu Recht!), wohingegen die Piraten nicht wie Foucault für eine Differenzierung sind, sondern für die vereinfachende Gleichmachung. Nach dem Motto: Die Welt ist mir zu kompliziert, dann streiche ich doch einfach alles weg, was mir nicht passt. Pathologisierend würde man den Piraten hier eine Dissozationsstörung attestieren.
Der Soziologe Heiner Keupp sagt in seiner Anthologie über den Menschen als soziales Wesen, dass es in so genannten heißeren Kulturperioden, d.h. solchen, in denen die Grundlagen des Alltagslebens ins Rutschen geraten und der Regelkanon für den Alltag nicht mehr unbefragt vorausgesetzt werden kann (in so einer befinden wir uns wohl gerade) zu einem Boom der Naturalisierungen kommt. Es werden Gedankengebäude angeboten, die uns erklären, wie es eigentlich sein müsste, die wiederum abgeleitet sind aus irgendwelchen Naturgesetzen, die plötzlich aus dem Hut gezaubert werden. Beliebtestes Spiel ist das um den biologischen Determinismus in der Geschlechterforschung oder eben das von den technischen Gegebenheiten des Netzes. Nie gehört? Der Pirat Christopher Lauer sieht wie viele seiner Kollegen im Internet eine Art Naturgesetz walten, aus dem sie ihre Forderungen ableiten. (Schon klar. Da Frauen ja per Biologie eher kommunikativ und häuslich sind legitimiert das die gesellschaftliche Geschlechterrollenverteilung und da uns das unaufhaltbare Internet überrollt können wir auch nicht anderes, als uns ihm in allen seinen technischen Gegebenheiten hinzugeben. Das Internet als subjektverschlingende Naturgewalt!)
Assheuer fasst zusammen: Die Verklärung der Computertechnik zum Naturgesetz ist Schicksalsglaube 2.0. Der Einzelne ist darin nur ein Anhängsel im Selbstlauf der Systeme; ein Teilchen, das mit kreativem Opportunismus in den großen darwinistischen Strom aus Kapital und Wissen eintaucht und mitschwimmt so gut er kann. Ja und Nein. Denn einen Strom, in dem man mitschwimmen muss gibt es, aber das ist das Leben an sich, alles andere ist Konstruktion und vor allem Dissoziation.
Aber was machen wir nun in Punkto Urheberrecht? In einem Punkt gehe ich nicht mit Herrn Assheuer konform und möglicherweise ist es auch genau die Stelle, an der sein Text und meiner zu zwei ganz verschiedenen werden. Assheuer wirft den Piraten vor, dass sie schlichtweg vergessen, dass die Menschen noch ein zweites Leben führen, eine Existenz in der analogen und leibhaftigen Wirklichkeit. Sobald sie das Netz verlassen, den täuschenden Schein des Egalitären und die Gleichheit der Use, betreten sie das Reale, die soziale Welt der Kämpfe und Ungleichheiten… Ich bin mit den Piraten in einem Punkt einer Meinung, nämlich dass das Netz nicht existiert – so sagen sie es allerdings nicht. Es gibt diese Trennung zwischen Realität und Netz nicht. Das Netz hat zu einer Verschiebung all dessen geführt, was es schon immer gegeben hat. Das Netz bringt nichts Neues – das sehen die Piraten wieder anders. Die Angst vor dem Verlust der eigenen Existenz hat es schon immer gegeben. Nur die Selbstauslöschung führt eben zu einer Selbstauslöschung und nicht zu einem bewussten Da-Sein. Mir kommt es immer so vor, als habe die Gesellschaft einmal eine Entscheidung getroffen und wundere sich nun über die Konsequenzen und statt sich mit denen zu befassen, schafft sie immer neue Gespenster, die es zu bekämpfen gilt
Also, ok. Urheberrecht: Ich finde die Gedanken die die Renner Brüder in Digital ist besser zusammengetragen haben gar nicht schlecht. Kulturflatrate usw. Irgendwann hat sich doch auch einer mal die Künstlersozialkasse ausgedacht. Die Gesellschaft hat sich verändert und da ist es auch klar, dass wenn wir auf Plattenfirmen verzichten nicht trotzdem noch dieselbe Musiklandschaft vorfinden, wie wir sie jetzt haben, oder sagen wir mal vor zehn Jahren hatten. Dinge verändern sich. Ich finde Sven Regner nicht uncool, wenn er auf seine Rechte als Urheber pocht. Ich finde es auch sehr wichtig, dass wie in der aktuellen ZEIT berichtet, die Künstler um ihre Rechte kämpfen und damit auch gegen ihr Verschwinden in einem grenzennivellierenden Symbiosebrei. Wichtig ist nur, dass Aktionen wie diese nicht zu einem Zementieren unzeitgemäßer Strukturen führen, sondern eher eine Diskussion anregen, wie man etwas sinnvolles, funktionierendes Schaffen kann, dass sich gesellschaftlichen Innovationen anpasst OHNE das Individuum zu verschlucken und was sich jenseits solcher unreflektierter Kindereien wie denen, von der Piratenpartei vorgeschlagen, bewegen. Denn in einem hat Regner auch recht: Zu glauben, irgendwann käme das Sozialamt um die Ecke und würde die Bezahlung der Künstler übernehmen und dabei würde noch gescheiter Rock’n'Roll rauskommen – das kann man knicken. Wenn alle Köche im Brei herumrühren, dann ergibt das eine Suppe, in der jeder mal herumgerührt hat. Das kann man dann Demokratie nennen, aber das heißt noch lange nicht, dass das dann gescheiter Rock’n'Roll ist, geschweige denn gescheite Politik oder eine gescheite Gesellschaft. Und das ist auch etwas, was die Piraten ansatzweise schon selbst spüren durften (Vgl. dazu auch die SPIEGEL Titelgeschichte vom 23. April 2012).
Quellen und Weiterführendes:
Tod des Autors. Der Kampf um die Urheberrechte im Internet ist mehr als nur ein Streit um die Vergütung… von Thomas Assheuer in DIE ZEIT, 03.Mai 2012
Wen kümmert’s wer spricht? von Franz Schuh in DIE ZEIT, 31. August 2000
Texte zur Theorie der Autorschaft von Fotis Jannidis u.a. Reclam 2000



























