Kritik: Berlin Biennale 2012
Am 27.04.2012:
Gestern, in den komplett überfüllten KW stehend auf das nachgebaute Occupy-Camp hinunterschauend, dachte ich an Zizek und das, was er Moritz von Uslar vor einiger Zeit in der ZEIT sagte: Je weniger man von diesem Ort sieht, desto besser versteht man ihn. Der Sinn der Occupy-Bewegung liegt nicht darin, dass wir daran teilnehmen, sondern dass möglichst viele Leute von ihr erfahren. Erst kämpften wir uns durch ein Flaggenmeer dann wurde es der Jüdin im State of Palestine Raum zu viel. Im Garten bekamen wir noch Poster geschenkt. Wir mussten sie vor laufender iPhone Kamera entrollen, denn jedes Poster ist anderes. You Me Same stand auf meinem Plakat. Ich stöhnte auf und beschloss später zu Hause das Same mit einem dicken Edding durchzustreichen und dann die Aufhängung des Posters über der Toilette zu erwägen. Verwischung des Fremden, Angleichung durch Negation der Negativität? Die Freundin einer Freundin hat Probleme in Kairo junge ägyptische Kunststudenten zum Thema Arabischer Frühling an einen Tisch zu bekommen. Die haben immer eine Entschuldigung, müssen Arbeiten und so, heißt es. Zizek sagt noch an anderer Stelle: Eine Illusion, die durchschaut ist, hat sich noch lange nicht erledigt – wir müssen uns trotzdem dazu verhalten. Die Leute müssen protestieren, damit ein Bewusstsein entsteht, aber eigentlich sind es, natürlich, die falschen Leute. Mein Unbehagen (linke) politische Kunst betreffend bleibt. Ich kann es bislang kaum besser in Worte fassen als mit dem Erzählen kleiner Anekdoten. Eine Freundin meint, dass allein damit schon viel erreicht sei. Ich sitze auf der Hundewiese und meckere, wie beschissen ich die aktuelle Berlin Biennale finde. Ich werde mir alles später nocheinmal in Ruhe ansehen. Vielleicht war es auch einfach zu voll gestern!?
Eine Woche später:
Eine Woche später gelingt dann Hanno Rauterberg in der ZEIT, was mir nicht gelingen mag: Offenbar wollen diese Künstler keine Künstler mehr sein, sie wollen raus aus dem Reich des Symbolischen, rein ins Reale. Die Frage bleibt nur, warum sie dann nichts Reales machen? Ein Freund sagte immer, dass ihm Kunst die Dinge versuchen würde, die andere einfach besser machen absolut unerträglich sei. Er hätte gekotzt, letzte Woche in die KW. Rauterberg an anderer Stelle: Es gibt viele Möglichkeiten für einen Künstler, wenn er die Welt verändern will. Nur die Kunst, ausgerechnet, eignet sich dafür so gut wie überhaupt nicht. Denn Kunst beginnt erst dort. wo das bloße Rechthaben aufhört.
Möglicherweise ist die Kunst in derselben Krise wie alle anderen auch sind – jedenfalls die Kunst, die auf dieser Biennale zu sehen ist: Die Künstler suchen nach einer Aufgabe, die ihnen die Gewissheit verschafft, dass ihr Tun nicht wirkungslos verpufft. Niemand sagt ihnen, was zu tun sei. Niemand weiß, wozu es ihre Kunst überhaupt braucht. Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft!? Vielleicht ist dies das Unbehagen, das einen befällt in den KW, wenn man vermutet, dass das Museum hier nichts weiter als ein gesellschaftlicher Reparaturbetrieb ist, in dem der moderne Mensch wieder flottgemacht wird. Rauterberg geht gar noch einen Schritt weiter, in dem er den Politkünstlern dieselbe Handlungslogik wie die des gehassten Feindes Kapitalimus attestiert: Nur eine Kunst, die sich nützlich macht, die politische Rendite abwirft, weil sie gesellschaftliche Missstände nicht allein benennt, sondern auch verändert, die also klare Gewinnaussichten verheißt, findet ihr Wohlwollen.
Was passiert da auf der Berlin Biennale 2012? Gregor Quack in der FAS mockiert sich u.a. über den Occupy-Begriff. Occupy-Biennale heißt das Camp, dass nichts besetzt, sondern eingeladen wurde zu besetzen. Das habe schon eine ganz eigene Qualität gehabt, so zitiert er einen Kurator, bei den Eröffnungscocktails ausgerechnet mit den Occupy-Leuten gesponserten Champagner zu trinken. Eines passiert in jedem Fall, es wächst die Sensucht nach ästhetischer Erfahrung und diese, so Rauterberg, gewinnt erst dort an Tiefe, wo die Kunst nich gleich mit ethischen Ansprüchen beladen wird. Und es passiert noch etwas. Die Biennale lässt über Sinn und Zweck von Kunst nachdenken. In der Kunst geht es nicht um eine Anleitung zum richtigen Leben, sondern um die Erfahrung des Zweifels. Die Kunst geht nicht auf in der Wirklichkeit, wie dies die Biennale fordert. Vielmehr liegt ihre Stärke in dem Abstand, den sie erlaubt, nicht zuletzt zu den eigenen Kategorien des Richtigen und Falschen. (…) Denn erst, wenn sich die Kunst von der üblichen Verantwortung löst, öffnet sie den Betrachtern einen Raum, in dem sich die eigene Verantwortlichkeit neu begreifen lässt. (…) Kunst ist kein Einsatzkommando und kein Breitbandtherapeutikum. Ihre Qualitäten zeigen sich zumeist im Stillen, in einem Moment des Innehaltens, der Verblüffung, vielleicht auch der Durchdringung. Wie das aussehen könnte, darüber schweigt sich Rauterberg aus, möglicherweise auch, weil es keine festzurrbaren Kategorien darüber gibt, was Kunst ist, soll und kann. Über eines sind sich die meisten aber wohl einig, dass diese Biennale irgendwie nichts ist oder vielleicht gerade deswegen großartig weil man einmal mehr weiß, was man nicht möchte, auch wenn man längst nicht weiß, was man will.
Zitate aus:
Die Ohnmacht der Parolenpinsler. Von Hanno Rauterberg in DIE ZEIT vom 03.05.2012
Pawel to the People. Von Georg Quack in Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 29.04.2012
Wildes Denken. Von Moritz von Uslar in DIE ZEIT vom 02.12.2011
Foto: Die Peace Wall in der Friedrichstraße / Foto: Nada Prlja



























