Das digitale Selbstporträt
Ein wesentlicher Teil meiner Doktorarbeit befasst sich mit dem digitalen Selbstporträt, speziell das, was in Modeblogs zum Einsatz kommt. In meiner Erschließung des Themas spielt allerdings auch das eine Rolle, was “im Geheimen” passiert. Eine nicht repräsentative Umfrage hat ergeben, dass eine nicht unerhebliche Anzahl von Menschen eine andauernder Liaison mit PhotoBooth hat und demnach eine Vielzahl digitaler Selbstporträts und das bevorzugt in Krisensituationen. Mirna Funk widmet im kommenden I Love You Magazine, welches sich mit dem Thema EGO befassen wird, eben diesen einen wunderbar tiefsinnigen Text.
Die Säulen, auf die ich meine Argumentation bei der Ergründung des Themas stütze sind Lacan (bzw. Zizek), Barthes, Hegel (bzw. Zizek), Wittgenstein (ein bisschen Nietzsche) und die Theorie der digitalen Fotografie (etwas Flusser und Baudrillard) nebst der Geschichte des künstlerischen Selbstporträts. Eine Theorie ist z.B. dass das digitale Selbstporträt etwas ganz anderes ist als das analog fotografierte, dass es in der Art des Entstehens einerseist der Malerei viel näher steht, als das analoge Foto, dass andererseits in ihm Zeitgeist kulminiert. Dass das digitale Selbstporträt weniger den zeigt, den es zu zeigen scheint, als das, was der sich selbst Fotografierende einerseits über Welt denkt, andererseits, wie Welt ist. Das ist bereits in der analogen Fotografie angelegt, gewinnt aber mit der Digitalität an Schärfe vor allem im Kontext der tsunamiartigen Bilderflut. So ist das digitale Selbstporträt vielmehr ein ausgestellter Kampf um die Existenz, denn eine Selbstvergewisserung, ein Hallo, ich bin auch noch da denn ein Hallo, das bin ich. In einer visuellen Gesellschaft, in der alles sein Dasein qua Bild attestiert, droht das, was nicht sichtbar ist, zu verschwinden, möglicherweise auch vor einem selbst. Der fortwährende Akt des digitalen sich-selbst-Fotografierens wird zu einem Selbstvergewisserungsakt und zwar über die eigene Position innerhalb einer sozialen Ordnung. Wie sehe ich aus als Teil dessen, was um mich herum passiert? Möglicherweise ist das, was im Akt des Sich-Selbst-Fotografierens passiert eine Art Dissoziation. Statt zu sich selbst zu finden über den Umweg des Außen, zieht das Foto einen aus sich selbst heraus. Statt die Gefühle zu fühlen, werden sie im Bildakt aus sich gestellt, negativiert. Die da im Bild leidet, ich aber nicht. Aus dem Leid Ausstellen wird ein Leid aus sich heraus stellen. Soviel an einem Montag morgen zu den Gedanken, die mich umtreiben. Jacques Derrida sagte einmal etwas über Fotos von sich selbst. Das Unbehagen ist da. Das zeitgenössische Selbstporträt hat etwas sehr unheimliches. (tbc)



























ich finde an der stelle die frage nach der bearbeitung der bilder ja auch noch mal sehr spannend. seien es einfache filtereffekte (instagram) oder aufwändigere bearbeitungen. um da auch noch mal das argument von der nähe zur malerei stark zu machen.
und gerade wenn ich über photobooth nachdenke, oder meine eigene geheime biblothek von bilden anschaue fällt mir ein fehlen des raums auf. wie ist das im analogen selbstportät? was macht das mit den bilden von mir?