Der philosophische Zombie

Philosophie ist in. Philosophieren heißt auch – so hörte ich mal – Sterben lernen, was wiederum die Voraussetzung zum Leben können ist. Der Zombie, so erklären Georg Seeßlen und Markus Metz sehr ausführlich, versagt sich dem Tod. Als Untoter wählt er den Zwischenraum, glaubt sich dadurch in Sicherheit. Dass er damit auch der Fähigkeit zu Leben entsagt vergisst er schnell. Das Gehirn ist längst Matsch, zu keiner Bewusstseinsregung mehr im Stande. Das eine geht nicht ohne das andere.
Wenn es eine unumstößliche Wahrheit gibt, dann diese: Wir alle werden sterben. So kann ich mir gut vorstellen, dass Herr Precht auch bald in seiner neuen Sendung auf dieses Thema zu sprechen kommen wird. Sich das Haar, das ihm gern neckisch über eine Seite des Gesichts fällt beiseite streichend, wird er in die Kamera schielen und die Bedeutung des Todes im Kontext ihrer Historizität dem Zuschauer in leicht verdaulichen Happen präsentieren. Was habt ihr eigentlich immer gegen den Precht, fragte mich ein Freund kürzlich. Eine klare Antwort konnte ich darauf nicht geben. Vielleicht ist es die Störung, die er im Bild des ehrwürdigen Denkers erzeugt. Er wirkt immer so, als sei alles ganz leicht. Als könne man zwischen Windeln wechseln und Fensterputzen fröhlich nebenbei den Sinn allen Seins herdenken, während wir uns im ewigen Weltschmerz im eigenen Angstschweiß winden.
Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski gaben Bilder verschwurbelter Eigenbrötler wider. Sie sitzen Pfeiferauchend in ledernen Ohrensesseln (so kann man es sich jedenfalls vorstellen), während Precht an der Supermarktkasse flirtet, immer ganz nah dran am Leben. Jedenfalls ist er kräftig dabei stereotype Vorstellungen aufzumischen, als habe es sich schon immer ausgeschlossen – Denken und Reden und wenn schon reden, dann zumindest so, dass es ein bisschen anstrengend ist zuzuhören.
Vielleicht ist Precht eben der neue Slotti – wie er in seiner Schule gern genannt wird. Dieser wird schließlich bis heute, trotz zahlreicher wenn auch kühner, so doch immer denkwürdiger Thesen, als etwas seltsam um den herrschenden philosophischen Diskurs tänzelnd wahrgenommen. Precht ist eben der Typ unserer Zeit. Der philsophische Zombie, wie Metz und Seeßlen sagen würden, ein Wesen, in dem ganz ähnliche Abläufe im Hirn stattfinden wie bei einem “normalen”Menschen, ohne dass es dabei zu Empfindungen, Erinnerungen und Erkenntnissten kommt. Er ist gar nicht so sehr Mensch aus Fleisch und Blut, sondern seelenloses Modell des neuen Philosophen.
Wenn Philosophieren tatsächlich Sterben lernen heißt, dann klingt das so, als würde das ziemlich weh tun. Neue Experten und Magazine wie Precht, Hohe Luft, Philosophie Magazin und Co. vermitteln irgendwie den Eindruck, als sei dieses Sterben lernen, bequemer zu haben. Als könne man ein bisschen durch die Seiten blättern – jetzt auch auf dem iPad – sich ein Hörbuch zum Thema Liebe anhören und alles wäre gegessen, oder besser konsumiert: Der Sterbensprozess als Ware. Oha! Ich bin ganz wahsinnig pessimistisch hier heute, könnte z.B. auch die Chance sehen, den gestressten Alltagsmenschen die Augen für existenzielle Dinge zu öffnen. So kann der Philo-Boom möglicherweise auch verstanden werden als Gegenbewegung zur fortschreitenden Zombifizierung, als Einhalt des zunehmenden Bewusstsseinsverlusts (das ist er wohl AUCH, ich möchte all den Angeboten nicht ihre Daseinsberechtigung absprechen!). Doch ich mag einfach nicht daran glauben, dass das so funktioniert.
Intellektualisierung, das Bereden der Dinge auf einer abstrakten Ebene ist bekanntlich Teil eines Dissoziationsprozessese. Der philisophierende Zombie hat sich seiner Empfindungen entledigt. Strahlend, klug und erhaben reitet er auf der Medienwelle, die Dialektik aus Leben und Sterben erklärend, aber nicht fühlend, worauf es letztlich ankommt. Die Diskrepanz zwischen Ich und Spiegel-Ich aushaltend (Psychodynamik nach Lacan!), lernt man nicht in einer Sendung. Kann man auch nicht mit Sendungsgästen bequatschen.
Was beim philosophischen Quartett funktioniert hat war, dass es Fühlanstöße lieferte. Dass es dazu anregte, nach der Sendung in sich selbst hineinzufühlen. Es bleibt zu hoffen, dass Precht das ähnlich hinbekommt. Bislang fühlte ich bei ihm nur Widerwillen. Ich kann es nicht intellektuell fassen. Es ist einfach nur ein Gefühl, doch darauf kommt es doch letztlich an, oder nicht? Möglicherweise ist das Fatale an ihm, dass er einfach zu gut aussieht und zu jung ist, zu perfekt, um als am Leben Leidender durchzugehen (das will ja auch keiner sehen). Ach. Der persönliche Möglichkeitsraum zur Aushandlung des Selbst scheint mit den sich verändernden Gegebenheiten immer geringer. Dass Herr Precht die Herren Sloterdijk und Safranski ersetzt und das als Verjüngungskur verkauft wird macht mir nur noch mehr Angst (Vgl. dazu das Kapitel zu den Botox-Zombies in Wir Untote!).


























