„Das Internet ist keine Mini-Playback-Show!“
Ein Nachtrag zu Gender Matters
Das Interview entstand letzte Woche im Rahmen der Tagung Gender-Matters organisiert von der Friedrich Ebert Stiftung. Weitere Informationen hier.
Weiterhin besonders spannend: „Wer nicht sichtbar ist, existiert nicht.“ – Workshop zu (Selbst-)Inszenierungen im Netz. Dazu heißt es einleitend: Das Netz hätte eine neue Spielwiese für Frauen sein können. Ein Ort, an dem die Machtverhältnisse der Offline-Welt keine Rolle spielen. Aber auch hier zeigt sich: Es sind zwar mehr Mädchen und Frauen im Social Web, aber die Männer sind sichtbarer und bekommen mehr Clicks. Und warum scheinen Frauen lieber übers Stricken, als über den neuen Airbus zu schreiben? Ein Workshop mit Anke Domscheit-Berg und Susanne Klingner, moderiert von ZEIT-Redakteurin Cosima Schmitt.
Ein paar zentrale Aussagen: In der anschließenden Diskussion sind sich alle Anwesenden einig, dass Angriffe im Netz auf Frauen auch als Gewaltangriffe auf Frauen zu verstehen sind. Es geht hier um Dominanz im öffentlichen Raum. Es sei eben so, dass das Internet per se kein männlicher Raum ist, aber einfach die Verdrängungs- und Machtmechanismen der Gesellschaft widerspiegelt. Deshalb schaut Anke Domscheit-Berg bei diversen Hass-Kommenatren auch nicht weg, weil sie sie als Spiegel der Gesellschaft sieht
und Was sich allerdings als Illusion heraus gestellt hat, ist die Idee, das Netz könne eventuell geschlechtslos sein. Theoretisch könnten Frauen ja auch Männer im Netz sein, doch Susanne Klingner glaubt: „Das Internet ist keine Mini-Playback-Show!“ Frauen werden im Netz nicht plötzlich zu anderen Menschen. Und wer sich als Frau fühlt, wird auch im Netz als Frau auftreten. Eine These, die ich in meiner Doktorarbeit unbedingt vertrete.
Weiter dazu geht es hier.



























Die immer wieder zwischen den Zeilen auftauchende Doktorarbeit interssiert mich mehr und mehr; nähres dazu möchtest du (ich hoffe, das du ist okay?) nicht vielleicht veröffentlichen? Das genaue Thema etwa, ein paar Notizen…
Klar ist “Du” okay. Im Grunde ist alles was ich hier veröffentliche Notiz und Hinweis auf das Kommende. Im Zusammenhang mit der Aussage “Mini-Playback-Show” ist sicher auch das Buch Engel und Avatar von Hinderk Emrich und Michael Roes spannend. So heißt es dort: “Wir werden die virtuelle Welt als ebenso wirklich wie unsere sinnlich erfahrbare Welt empfinden, weil sie unmittelbar dieselben Hirnregionen stimulieren wird, die gegenwärtig noch an unsere körperlichen Sinne gekoppelt sind.” Daraus kann man folgern, dass man sich online ebenso verhält wie offline. Die Versprechen des virtuellen Raums sind somit gar nicht einlösbar. Mehr kann ich zu dem Buch noch nicht sagen. Ich habe es gerade erst bestellt… Und ja, die Doktorarbeit. Das sind alles gerade theoretisch Grundlagen. Letztlich soll es darum gehen zu zeigen, wie durch Selbst-Bildproduktionen “reale” Verhaltensweisen reproduziert werden. Ein bisschen Lacan, ein bisschen Silverman, ein bisschen Mulvey, ein bisschen Goffman, viel Bourdieu – kombiniert mit zeitgenössischen Theorien von Han, Seesslen, Wolf, Illouz und X. Ein Vorgeschmack auf die Richtung wird in der nächsten Ausgabe von FROH! erscheinen, aber darauf werde ich nochmal hinweisen, wenn es soweit ist…
Ha! Reproduktion realer Verhaltensweisen durch Selbst-Bildproduktion? Da drängen sich mir Bobachtungen auf, welche eher in die umgekehrte Richtung weisen: wie wär´s denn mal mit einer Doktorarbeit über das roboterhafte Sozialverhalten unter den jüngeren Facebook Addicts, jenseits der anklickbaren Welt ? Ist es denn nicht eher so, das bereits jetzt ein großer Teil der “800 Millionen” ihrem virtuellen Selbst und denen, sich auf jenes virtuelle Selbst beziehenden Reaktionen, mehr Aufmerksamkeit schenken, als ihrer tatsächlichen, also körperlichen social appearance? Und führt dies nicht zu einer grenzenlosen Verarmung des realen, also öffentlichen sozialen Raums, der Begegnungsorte, Konzerthallen, Restaurants etc, nachdem alle permanent mit der Produktion von Inhalten beschäftigt sind, für die nachträgliche oder gar gleichzeitige Dokumentation ihrer Erlebnisse und Erfahrungen? Wer kann die Handy-Filmer eigentlich noch ertragen, die selbst in den intensivsten Momenten nur dem Impuls des digitalen-archivieren-müssens folgen, und somit die unmittelbare Situation für alle anderen ruinieren? Wer erträgt die Kollegen und Freunde beim gemeinsamen Mittagessen, die sich mit der einen Hand ihren digitalen Profilen widmen, mit der anderen die Nudeln in sich hineinstopfen und ihre übrigen Sinne nur partiell dem Gegenüber widmen? Stil ist doch erst einmal eine Frage des unmittelbaren Verhaltens, der Pflege des Hier und Jetzt. Schiebt sich die Arbeit für das digitale Selbst ständig dazwischen, entsteht diese lähmende Irrelevanz und Unverbindlichkeit, mit der so viele Beziehungen neuerdings belastet sind. Digital ist nicht besser, es ist nur einfacher, und, im sozialen Miteinander, lediglich Ausdruck eines Zeitgeists der fortgesetzten Entscheidungsunfähigkeit in einer überfordernden Welt.
Was die in Deinem Blog gelegentlich geäußerten Sinnfragen bezüglich der eigenen und persönlichen Entwicklung betrifft, möchte ich, nicht nur weil Sonntag ist, “Evidence of my Existence” empfehlen, eine knapp zehnminütige Reise durch das Leben des Photojournalisten Jim Lo Scalzo. Die Antworten, welche er findet, sind erstaunlich und trotzdem einfach.
http://mediastorm.com/publication/evidence-of-my-existence
Ansonsten finde ich Deinen Blog sehr lesenswert und ganz wunderbar. Keep on rockin!
“lediglich Ausdruck eines Zeitgeists der fortgesetzten Entscheidungsunfähigkeit in einer überfordernden Welt.” Das sehe ich genauso. Und letztlich schließen sich Deine Herangehensweise und meine nicht aus. Es sind ja zwei Seiten einer Medaille! Gerade bin ich damit beschäftigt das alles psychoanalytisch zu erklären. Was es eigentlich genau ist was da passiert basierend auf der Subjektkonstitutionstheorie von Lacan. Letztlich sind es alles Formen von Narzissmus, die ja per se nicht schlecht/krankhaft sind. Aber dass veränderte Formen sich wahrzunehmen auch zu veränderten Weisen der Subjektkonstitution führen… den Gedanken finde ich jetzt nicht so abwegig. Ich werte das ja alles zunächst nicht. Sondern stelle fest, dass es so ist, bzw. behaupte es einfach aufgrund meiner Beobachtungen.
Danke für den Link!!!
Und Danke für das Kompliment. Means a lot to me!