20112012.
— ein auswurf (kein fertiger text)

und plötzlich ist es gegenwart.
Im Vergleich zu 2010 war 2011 schon irgendwie besser. Ich sitze zwar wieder auf dem Sofa, den Laptop auf dem Schoß, die Chinaböller schallen auch hinüber, allerdings nicht aus dem Wedding, denn ich bin nicht in Berlin, sondern im Ort meiner Geburt, den ich nicht gerne Heimat nennen, weil es sich bisher nie so angefühlt hat, dort, im Hessischen. I drank coffee and read old books and waited for the year to end – ich warte noch immer. Es ist 21 Uhr und die Katzenberger (die ich sehr schätze!) erzählt im Fernsehen wie es für sie war, in diesem Jahr, das in wenigen Stunden vorbei ist.
Dafür, dass ich auch ja nicht auf die Idee komme, irgendwas von dem, was in diesem Jahr passiert ist, mit nach 2012 rüber zu nehmen, sorgten vor zwei Tagen Diebe, die durch die zuvor zerschlagene Scheibe des Autos meiner Mutter eine Tasche stahlen, in der sich neben ein paar anderen für Diebe unwichtigen Dingen mein Kalender befand. Mit ihm verschwanden irgendwie auch alle Erinnerungen, die darin standen. Noch zwei Tage davor saß ich nachts allein vor einer Kirche, in der ein Konzert stattfand, dass ich vorzeitig verließ. Eine Zigarette rauchend, einen Glühwein trinkend fühlte ich Glück, Zufriedenheit, Zuversicht, einfach so. Oder auch nicht einfach so, gelegentlich passieren Dinge, von denen man immer denkt, dass sie nicht einfach so passieren, obwohl alle sagen, dass sie einfach so passieren und dann passieren sie doch “einfach so”…
2010 hatte ich oft große Angst und meist war ich nicht in der Lage dazu, meine Adrenalinausschüttung irgendwie zu kontrollieren. Mit anderen Worten, ich habe viele Fehler gemacht und dabei sind es nicht die Fehler an sich, sondern vielmehr die Erkenntnis darüber, dass man eine falsche Entscheidung getroffen hat, dass man sich wieder falsch verhalten hat, dass man nicht nach Indien gesegelt, sondern in Amerika gelandet ist und das sich das im nachhinein nicht immer als die eigentliche Sensation herausstellt. 2011 hatte ich auch große Angst und jetzt, wo ich wirklich einen Grund dazu hätte, wo sich am Horizont die Möglichkeit abzeichnet, dass alles so sein könnte, wie ich es im Grunde immer haben wollte, habe ich sie nicht. Es fühlt sich alles so normal, ruhig, undramatisch und völlig richtig an, dass ich langsam den Sinn von Angst begreife, dass es bei dieser möglicherweise tatsächlich immer um etwas geht. Dass Durchdrehen, verrückt werden, irre sein normal ist, in Situationen, die nicht normal sind.
Fast zwei Tage später sitze ich an meinem Schreibtisch in meiner Wohnung in meinem Berlin und es liegen zwei Schlüssel neben mir und neben den zwei Schlüsseln liegt Eva Ilouz’ Warum Liebe weh tut und ich schaue wieder auf die Schlüssel, die mir nun Eingang gewähren in eine Wohnung, die nicht meine ist, in der ich aber gerne bin und seit gestern immer hingehen kann, wenn ich dort sein mag. Und ich denke an Eva Illouz, daran, dass mir das Buch mit meiner Vergangenheit aus dem Auto gestohlen wurde und dass dieses Buch, was da nun liegt, ein anderes ist, eines, das ich zwei Tage nach dem Einbruch nocheinmal kaufte.
Es ist schwierig mit der Liebe in der Moderne, so wie überhaupt in der Moderne alles anders ist, als es vorher war. Wir uns nun alle mit Depressionen herumschlagen, die im Alltagssprech verniedlicht als “Burn-Out” daherkommt, sich die Topologie der Gewalt ins uns selbst verlagert hat. Und ich denke, nein, ich mache da nicht mehr mit. Die Depression ist die Krankheit des Individuums, das sich scheinbar von den Verboten emanzipiert hat, das aber durch die Spannung zwischen dem Möglichen und dem Unmöglichen zerrissen wird, schreibt Alain Ehrenberg in Das erschöpfte Selbst
. Die Depression ist die Tragödie der Unzulänglichkeit. Sie ist der vertraute Schatten des führungslosen Menschen, der des Projeks, er selbst zu werden, müde ist. Das Unangenehme an dem Projekt ist, dass dem Menschen heute keine andere Möglichkeit mehr bleibt. Es ist sozusagen seine Pflicht, er selbst zu sein, ein modernes, individuelles, selbstbestimmtes Selbst. Ein Subjekt, das sich aus Kategorien zusammensetzt, die es in dem Sinne nicht mehr gibt. Was ist überhaupt das Selbst, was ist ein Individuum, was ist Identität? – die großen Fragen der Moderne… Und wie kann man in diesem dichten Wald der Unsicherheiten über das Ich, überhaupt ein Du entdecken?
Die Liebe tut weh, so kann man Illouz zusammenfassen, weil das Scheitern, die Zurückweisung, immer als eine Ablehnung der Person verstanden werden muss. Man konstituiert sich nicht aus umgebenden Strukturen, sondern aus dem Zusammenspiel zwischen Ich und Du. Der moderne Mensch wird zum Individuum in der Beziehung zum Anderen. Die Grenze macht ihn zu einem Selbst. Insofern mag die große Einsamkeit, die man in sich spürt, ein modernes Phänomen sein. Und die Sehnsucht nach Liebe, eine Sucht nach sich selbst, nach dem Selbst im anderen. Aber ist das dann überhaupt “Liebe”? Oder ist Liebe nicht vielmehr das Spüren des Selbst NEBEN dem Anderen und nicht IM Anderen…!? Ich liebe mich NEBEN Dir als Synomym für Ich liebe Dich. In jedem Fall verspricht es “Kontrolle” – ohne dass ich das an diesem Punkt negativ meine. So bin ich der Ablehnung nicht mehr machtlos ausgeliefert, sondern bin selbst längst gegangen, weil ich aufgehört habe mich selbst zu lieben. Freilich lässt sich das nicht steuern, aber gibt einem das nicht schon ein etwas besseres Gefühl? Ich liebe micht nicht mehr NEBEN Dir, daher gehe ich… Es könnte alles so einfach sein.
Die Silvesternacht verbrachte ich mit meinen Eltern hinter verschlossener Balkontür in einer kleinen hessischen Stadt. Mein Hund saß entspannt hinter uns auf dem Teppich während wir mit unseren Sektkelchen gefüllt mit billigem Champagner in der Hand dabei zuschauten, wie die Nachbarn ihr Weihnachtsgeld in Form von privatem Feuerwerk in die erste Nacht des neuen Jahres verjubelten. Ich wünsche mir für Dich, dass Du in diesem Jahr endlich zur Ruhe kommst, sagte meine Mutter und ich frage mich, ob ich das überhaupt möchte, ob ich nicht anfange diese Ruhelosigkeit zu lieben, anzunehmen, als zu mir gehörig, mir als Kind der Moderne. Alain Ehrenberg schreibt an anderer Stelle: Das Recht, sich sein Leben zu wählen, und der Auftrag, man selbst zu werden, verortet das Individuum in einer ständigen Bewegung. Damit stellt sich freilich das Problem der regulierenden Grenzen zur Aufrechterhaltung der inneren Ordnung anders als vor der Moderne in Disziplinar- oder Souveränitätsgesellschaften wo es eher um die Suche kleiner Freiheitsnieschen in großen Abhängigkeitssystemen ging. Heute sind wir frei, so frei, dass wir beginnen ob des Orientierungsverlusts an dieser Freiheit zu leiden. Kein Gott, kein König, keine Mama, kein Papa, nur die Werbung als Gradmesser, mit der ständigen Angst vor dem Verlust des Geldes und dem damit einhergehenden Verlust der Möglichkeiten. Denn im Grunde geht es doch darum — ich kann mich nicht entscheiden, weil mir niemand mehr verbindlich sagt, was es ist, dass ich brauche, daher möchte ich mir vorsichtshalber alle Möglichkeiten offen halten. Dabei ist es gerade dieses Entscheiden-Können, was einen Menschen zu einem modernen Menschen macht: Das ideale Individuum wird nicht mehr an seiner Gefügigkeit gemessen, sondern an seiner Initiative.
In der Werkstatt, die die zerschlagene Scheibe des Autos meiner Mutter reparierte, traf ich einen früheren Freund meines Bruders. In diesen kleinen Städten kennt man sich. Er arbeitet dort als Glaser. Meine Mutter erzählte mir später, dass er sich ein wenig schämen würde dafür, dass er einen gewöhnlichen Weg ging, während mein Bruder, sein damals bester Freund, nach dem Abitur ein Studium begann und nun beginnt in der Pharmaindustrie Karriere zu machen. Ich weiß nicht ob das stimmt oder ob das etwas ist, was meine Mutter annimmt. Was auch immer es ist, ich merkte nur, dass mich das alles gar nicht interessiert, dass ich mich für ihn freute, als er es mir erzählte, dafür, dass er die Entscheidung getroffen hatte, dieses Leben zu leben, dass er Vater eines kleinen Mädchens ist und dass er strahlte, als er es mir erzählte.
Es ist Zeit, das Problem der Emanzpation mit einem Minimum an historischem und praktischem Sinn anzugehen, statt in Selbstmitleid zu vergehen. Das klingt nicht wie der schlechteste Vorsatz für ein neues Jahr, für ein neues Leben, vielleicht…



























Mag ich: diesen entspannten Ton!
dein kein fertiger text gefällt mir sehr!
hab dich in berlin gesehen die tage, draussen dunkel, drinen hell bei juliaundben, und überlegt ob ich an die scheibe klopfen soll, hallo sagen. drinnen war wohl gerade fitting oder ähnliches.
tja, hab mich nicht getraut.
*