ein narr der mensch, der dies glaubt
— was ktg gefährlich macht (oder auch nicht).

In der aktuellen ZEIT fragt Thomas Assheuer wie es dazu kommen konnte, dass Karl Theodor zu Guttenberg derart die Lager spaltet. Dass der verlorenen Sohn nun zur Gefahr wird, eine Bedrohung, in der der SPIEGEL den Ungeist der deutschen Politik (das komplette Schriftstück kann man hier lesen) sieht. Er mutmaßt: Wer Guttenberg heute einen gefährlichen Verführer nennt, der ahnt, dass eine politische Lage heraufziehen könnte, die den Wähler tatsächlich verführbar macht. Er ahnt, dass sich die Gesellschaft seit der Finanzkrise in einem alamierenden Schwebezustand befindet, in dem nicht Guttenberg selbst, aber einer wie er bald eine Chance bekommen könnte. Ein konservativer Charimatiker, dem die Herzen zufliegen und der ein unstillbares Verlangen befriedigt: das Verlangen nach dem Souverän, der aufräumt und durchregiert. Eine ideale Projektionsfigur, eben. Guttenberg, so murmelt die politische Sehnsucht, macht das Leben wieder konkret, er stiftet symbolische Ordnung im Chaos der Geschichte. Er ist der Vorwärtsentscheider, der neue Fürst, der endlich den gordischen Knoten einer heillos komplizierten und rasend abstrakten Welt durchschlägt. Guttenbergs Vorgehensweise beschreibt Assheuer als politisch, als handelnd, im Gegensatz zur Politik treibend. Denn Politik ist langweilig, rational diskutiert, argumentiert und debattiert, das Politische schaut den tragischen Wahrheiten tapfer ins Auge, dem ewigen Wechsel von Sieg und Niederlage, von Krieg und Frieden. Und das ist so gesehen alles zunächst ganz wunderbar und richtig, denn ja, das IST Leben, so sieht es tatsächlich aus. Doch das ist nicht des Pudels Kern.

Assheuer, Mirna und ich treffen uns in einem Punkt: Es ist nicht die Person Guttenberg interessant, sondern ihre politische Möglichkeit. KTG wird vielmehr zu einem Symbol, je nach Geschmack entsprechend aufgeladen, zu einem Retter oder zu einem Sündenbock – in beiden Fällen zu einer Gefahr für (politische) Ordnung. Während Assheuer am Model Guttenberg eine alte politische Richtung im zeitgemäßen Gewand exemplifiziert, gehen Mirna und ich in unsren Meinungen etwas tiefer, betrachten ihn als Sündenbock, als willkommene Ablenkung von den schwarzen Löchern in der eigenen Seele. Allen Menschen ist die Sehnsucht nach Ordnung in einer abstrakten Welt gemein. Und so kommt ein Guttenberg daher und verspricht diese, liefert gleichzeitig ein platonisches Schauspiel: Neues Gesicht, neue Innenwelt, als habe er sich in den acht Monaten seiner Abwesenheit in den USA (!) geläutert. Statt durch Meditation und Einkehr (oder sowas in der Art) zu den eigenen Löchern vorzudringen und die Reinigung von Innen nach außen zu vollziehen, soll nun eine neue Maske über die weiterhin bestehenden Unzulänglichkeiten hinwegtäuschen.

Ein Narr der Mensch, der dies glaubet. Aber es ist ein schneller Weg, ein einfacher und bequemer, wieso nicht glauben wollen, dass es funktioniert? Nicht weniger selbstbetrügerisch jene, die nun mit Steinen werfen, den Angriff als Verteidigung des selbsterrichteten grandiosen Selbst wählen. KTG als Projektionsopfer wählend, auf das sich die eigenen Fehler projizieren lassen, die hässliche Fratze, die eigentlich die eigene ist, in sich nicht ertragen könnend.

Welchen Weg man auch wählt. Guttenberg ist und bleibt eine Gefahr, der man wohl am besten mit Ignoranz begegnet. So mag sein Auftauchen vielleicht eine Ermahnung sein, den erhofften Souverän in sich selbst zu finden. Das Gespenst des Souveräns drängt stest in jenen historischen Augenblicken auf die Bühne, in denen die Problemlösungskraft der Demokratie nachlässt und die Überzeugung erschüttert wird, eine Gesellschaft könne sich in politischer Autonomie, durch kollektive Willensbildung regieren, schreibt Assheuer.

Vielleicht könnte das folgende Denkspiel den Weg zu einer möglichen Lösung weisen: Das Individuum als Staat, nach der esoterischen Maxime “wie Oben so Unten” oder auch wie Außen so Innen. Demnach wären die chaotischen Umstände nicht die Ursache unserer inneren Zerrissenheit (Burn-out und Co.), sondern diese der Grund für jene. Wenngleich auch nicht beides sauber voneinander zu trennen ist. Aber ist es nicht vielleicht an der Zeit, die Denkrichtung umzukehren, ihr ein neues Gewicht zu geben, für mehr Eigenverantwortung, die dann wiederum die Chance hat in eine Gesamtverantwortung zu münden, den Hobbes’schen Naturzustand internalisierend? Oder spricht hier nur die Freundin der Psychoanalyse?



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