die angst vor veränderung oder
— warum es ok ist, dass das abendland untergeht


source unknown

Gestern sprach ich mit Mirna über die Aktualität von Hannah Arendts Kritik am Hobbe’schen Herrschaftsbegriff (obgleich ich im Gegensatz zu ihr kaum etwas dazu beitragen konnte, liegt mein Studium der politischen Theorie doch schon etwas zurück). Ohne die dennoch sehr anregende Diskussion an dieser Stelle bis ins Detail rekonstruieren zu wollen, möchte ich kurz auf die Frage zurückkommen, an der wir unsere gestrigen Überlegungen und Utopie-Entwürfe (ratlos?) abbrachen. Zunächst sei zu sagen, dass wir uns einig darüber sind, dass wir in einer wahnsinnig spannenden Umbruchszeit leben.

Thomas Assheuer konstatierte kürzlich im Feuilleton der Zeit: Eines Tages wird man fragen: Wo waren eigentlich die Intellektuellen, als Europa zu Bruch ging? Die Notwendigkeit für intellektuelles Gedankengut in einem höchst politischen Prozess sieht er in der Vielfalt und Selbstbestimmung und im Pflegen eines politischen und kulturellen Raumes, in dem die Bürger nicht nur von den Furien des Kapitals getrieben werden, worin er die edelste Pflicht des Intellektuellen sieht.

Eine kühne These, warum das nicht geschieht – da stimme ich ihm zu – mag sein, dass die (deutschen) Intellektuellen, bzw. die, die gemeinhin als solche gelten, die Assheuer namentlich u.a. mit Hans Magnus Enzensberger, Hauke Brunkhorst, Ulrich Beck und Robert Menasse benennt keine Ahnung von dem haben, was gerade passiert und sich in ihren Ausführungen lieber auf die Bereiche beschränken, von denen sie etwas verstehen. Aber wer versteht etwas von dem, was gerade passiert? Was ist das eigentlich, was gerade passiert? Was genau ist der Bruch Europas? Und ist es eigentlich nicht sehr viel mehr, was da gerade in dir Brüche geht?

Tim und Kai-Hinrich Renner versuchen in ihrer überblickenden Erklärung des Internet Pauschalskeptikern ein bisschen die Angst vor der Veränderung der Welt zu nehmen. Warum das Abendland auch durch das Internet nicht untergehen wird heißt es im Untertitel ihrer Anfang des Jahres erschienenen Publikation Digital ist besser. Dabei ist es weniger der Inhalt, der das Buch spannend macht – der Interessierte wird darin nicht viel neues erfahren – sondern eben jener Untertitel, den die Autoren möglicherweise so gar nicht weitergedacht haben, denn richtiger müsste er heißen “Warum das Abendland untergeht und das gar nicht schlimm ist”. Denn was ist, wenn genau das gerade passiert? Was ist, wenn wir gerade am Anfang eines Endes stehen und das Abendland tatsächlich gerade untergeht – es wäre nicht das erste Wertekonglomerat der Menschheitsgeschichte, welches sich verabschiedet. Und wäre das denn so schlimm? Wo lägen die Chancen, wenn dem so wäre?

Eine weitere kühne These im Zusammenhang mit Assheuers Beitrag mag sein, dass “die Intellektuellen” die Geschehnisse verleugnen. Übrigens eine höchst natürliche Reaktion auf traumatische Erlebnisse (das jetzt hier auszuführen würde den Rahmen sprengen. Wen das interessiert, dem empfehle ich: Das Ich und die Abwehrmechanismen oder, ein wenig aktueller Ichzwang).
Eine derzeit sehr beliebte Form der Verleugnung scheint das Schreiben eines Buches zu sein. Da erleidet eine bekannte Kommunikationswissenschaftlerin einen Totalausfall und nach Regeneration erscheint ein Buch über den “Vorfall”, das aber weniger als Dokument einer Katharsis, sondern als Beschreibung einer Art “Zusatzqualifikation” daherkommt: Das Burn-out gehört zum erfolgreichen Berufsleben wie das Eigenheim zur Vorbildfamilie zitiert Sarina Pfauth Miriam Meckel im März letzten Jahres in der Süddeutschen Zeitung. So als müsste künftig im Lebenslauf zur Bewerbung auf einen Job auch die Zeit des Ausfalls angegeben werden, um als vollwertiger Leistungsträger anerkannt zu werden.
Ähnlich der Fall zu Guttenberg: Der gefallene Engel erscheint nach drei Monaten mit druckfrischer Publikation – Titel: Vorerst gescheitert (!) – wieder auf der Bildfläche. Es war kein Betrug titelt das Dossier der heute noch aktuellen ZEIT. Darin erklärt der ehemalige Verteidigungsminiter zum ersten Mal nach seinem Rücktritt wie es überhaupt zu dem Kuddelmuddel kommen konnte und liefert gleich ein interessante neue Rechtsfigur, so die FAZ, mit der er nachzuweisen ersucht, dass es sich bei seiner Doktorarbeit um gar keine vorsätzliche Täuschung handeln kann. Vor lauter Wortdreherei treten die Tatsachen in den Hintergrund und der neue KTG scheint rehabilitiert und bereit für neue (Schand)taten. Wer will es ihm verübeln?
Das Volk nickt und schluckt, wird Teil der Verleugnungsmaschinerie, denn ein Protest käme dem Eingeständnis gleich, dass hier gerade Stabilität auseinanderbricht, ohne die man nicht leben zu können glaubt. Und dieses Eingeständnis würde den Griff an die eigene Nase bedeuten, die höchst unangenehme Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben. Dann doch lieber das Buch von der Meckel kaufen und sehen, dass der „Burnout“ dazu gehört, wie ein Schnupfen, den man in zwei Tagen auskuriert oder mit Aspirin Complex betäuben kann, um danach einfach weiterzumachen, wie vorher.

Was die Renner-Brüder in ihrem Buch beschreiben ist da. Und es ist nicht einfach nur das Internet, in dem man mal eben die Emails checkt oder die neuesten Nachrichten liest, sondern es ist sehr viel mehr. Das schöne ist, dass die beiden das Netz als Fortsetzung der Popkultur beschreiben und damit als Teil eines Prozesse vorstellen. Insofern ist das Internet nicht plötzlich eines Tages vom Himmel gefallen, sondern ist aus einem Bedürfnis heraus erwachsen. Womit ich wieder am Anfang meiner Überlegungen wäre…
Was ist ist es eigentlich, dieses Grundbedürfnis, das z.B. Hobbes in Macht sieht, die Renners in Partizipation, die ja im Grunde auch nichts anderes als eine Form der Macht darstellt. Diese Macht, und das macht Hobbes (und ebenso die Kritik an seinen Überlegungen) ja gerade so aktuell, kann viele Gestalten annehmen, wobei die Kapitalmacht sicher eine der aktuellsten Formen ist und in der Mirna und ich nur eine Form der Kompensation sehen. Doch was ist es, was da kompensiert wird? Was ist es eigentlich, was der Mensch will? Was würde passieren, stünden jedem Menschen unbegrenzt kapitale Mittel zur Verfügung? Würden wir uns dann wieder aktiv die Köpfe einschlagen? Gibt es einen Weg zurück in den Hobbe’schen Naturzustand oder sind wir mittlerweile soweit in unserer Entwicklung fortgeschritten, dass eine Rückwärtsbewegung nicht mehr drin ist?

Ich habe die Theorie, dass das Internet eine Art zeitgemäßen Naturzustand ermöglicht. Was mir an den Ausführungen der Renners sehr gut gefällt ist die Definition des Internet als eines Konvergenzmediums (diese Definition ist auch nicht neu, habe ich aber in dieser Prägnanz bisher so noch nicht gelesen). Damit stellen sie stichhaltig richtig, was fälschlicherweise gemeinhin behauptet wird, dass es sich bei der Welt jenseits des Bildschirms um ein Medium handelt, von dem dem Rieplschen Gesetz zufolge keine wirkliche “Gefahr” ausgehe. Das Internet als Konvergenzmedium ist aber anders, es setzt auf völlig neue Art und Weise bisher unverbundene Mediengattungen miteinander in Verbindung. Es entsteht etwas komplett Neues, was im Grunde alles vorher da gewesene über kurz oder lang überflüssig macht.

Und es passiert noch etwas: Im Netz kann man in kaum reglementierter Form erleben, was Menschen tun, wenn keiner aufpasst und ihnen sagt, was sie zu tun haben. Und genau da wäre es wichtig anzusetzen, da wäre es wichtig zu fragen, warum die Intellektuellen schweigen oder bestenfalls jammern, so wie es Schirrmacher, Meckel und auch Illouz (die ich allerdings sehr schätze!) auf ihre je spezifische Art tun. Wo sind die, die der Realität ins Auge blicken und beginnen, den unaufhaltsamen Prozess zu gestalten? Der Grund warum bisher wenige (wie z.B. Pschera) sinnvolle Überlegungen vorstellen mag darin liegen, dass sich die, die was sagen könnten in zwei Lager spalten. Und zwar in die, die noch immer die Augen vor der Realität verschließen (s.o.) – denn schließlich geht es um deren nackte Existenz – und die, die sich längst mit dem Ende abgefunden haben und (ahnungslos?) mit dem Strom schwimmen. Wer sollte also bleiben, um dazu noch irgendetwas zu sagen? Dabei ist es doch gerade jetzt spannend eine Antwort auf die Frage nach dem Weiter zu finden. Die Renners schreiben im letzten Absatz des Buches, dass das Netz eine riesengroße Chance ist. Dass das Netz im Begriff ist, Deutungshoheit zu entreißen, wovon letztlich die Nutzer profitierten. Was aus dem Netz wird, läge in ihrere Hand. Aber ist das – so frage ich mich – angesichts der mauen intellektuellen Auseinandersetzung wirklich eine so gute Idee?

—-

Und nochwas zum Buch DIGITAL IST BESSER. Kaufen muss man es nicht unbedingt, denn Neues erfährt man kaum, wenn es auch eine flüssig zu lesende Übersicht über den Ist-Zustand der Neuen “Medien” liefert. Aber es macht sich gut im Regal neben Payback, wo es jetzt bei mir steht und wer das gekauft hat, der sollte das Buch der Renner Brüder unbedingt haben für Neutralität im Buchbestand.

Kai-Hinrich und Tim Renner: DIGITAL IST BESSER
Erschienen: 07. März 2011
Verlag: Campus



6 Kommentare

  1. alexpschera wrote:

    Die totale Positivität der neuen Welt lässt zu, dass ein Burnout zum CV-Punkt wird und dass das Netz-Ressentiment das netz verstärkt. Das Ausweichen vor dem “Neuen” gehört schon zu diesem Neuen konstitutiv hinzu. Die Gegenbewegung verstärkt den Impuls nach vorne. Was ist das, ontologisch gesehen? Das Ende der Dialektik? Die Auflösung aller Gegensätze? Müde sein bedeutet zugleich, Dinge zu erkennen, die im Wachzustand verborgen sind. Der Slacker erkundet die Welt in Zeitlupe. Der Hektiker sieht abstrakte Muster im Raum. Beides ist gut, denn wo ist die Mitte des Gehens? Sie läge im Tanz, aber den haben wir auch schon professionalisiert (“Lass uns bitte erst einen Tanzkurs machen”).

  2. mahret kupka wrote:

    Den Gedanken vom “Ende der Dialektik” finde ich gar nicht so abwegig. Han’s “Topologie der Gewalt” – was ich sehr schätze und künftig wohl öfter zitieren werde – beschreibt das ja recht einleuchtend. Auch eben jene Positivität, die das Ende der Negativität markiert. damit das “Auflösen aller Gegensätze” und den Rückzug ins Ich. Da bin ich mir noch nicht so sicher, ob das nicht eigentlich gut ist – ich kann dem immer mehr Positives (ha!) abgewinnen! Dazu später mehr.

    Ich verstehe nicht ganz, wie Du zum “Tanzen” stehst. Sehe ich richtig, dass Du dies als das richtige “gehen”, angesichts der Lage siehst? Ich muss bei diesem Tanzen unweigerlich immer in die spirituelle Ecke abdriften. Ins extatische Tanzen, z.B. auch an den schamanistischen Trance-Moment, der sich auch durch Tanzen erreichen lässt. Das Berghain ist meine Kirche, sage ich immer. Weil es auch dort um sehr viel mehr für mich geht, als nur ums “Ausgehen” – es ist vielmehr ein wegtanzen aus der Welt hin zu sich selbst und das eben OHNE Tanzkurs (auch OHNE Drogen!), ohne vorgegebene Schrittmuster, einfach Tanzen um des Tanzens willen. Das ist einer der Orte, an dem das für mich noch ganz gut funktioniert. Anyway. Anderes Thema auch…

  3. alexpschera wrote:

    das mit dem tanzen meinte ich im hinblick auf die fortschreitende Professionalisierung unseres Lebens. Alles muss neu gelernt werden, nichts geht mehr “einfach mal so”, totale kontrolle durch die einmal gesetzten und einzuhaltenden standards. in münchen gibts seminare fürs schuheputzen. das geflecht des lebens wird ökonomisiert. unsere angst ist gross, es einfach zu: wagen

    • mahret kupka wrote:

      “wagen” könnte auch mit “leben” übersetzt werden. und alle rennen in therapie, um das leben zu lernen. dass muss man ja auch irgendwie lernen. aber das liegt vielleicht auch daran, dass es keine initiationsriten mehr gibt in unserer gesellschaft und auch keiner da ist, das uns aus dem nest wirft!? Aber vielleicht passiert das ja jetzt gerade global! Wir werden gerade alle aus unseren nestern geworfen!? wie spannend!

  4. alexpschera wrote:

    das leben lernt man erst, indem man stirbt. vom ende her. leben lernen ist also sterben lernen. leben ist initiation in den tod. ars vivendi = ars moriendi. das schliesst emphatisches leben nicht aus, da emphase lernen dessen ist, was wir einmal verlieren werden.

    • mahret kupka wrote:

      Aber das Sterben muss man ja nicht unbedingt als “absolut” begreifen. Selbst wenn man nicht an Reinkarnation glaubt, ist selbst das Leben vor dem “großen Ende” ein fortwährender Wechsel aus Leben und Sterben. Und vielleicht liegt in der Annahme dessen die “Antwort”. Und wer “gelernt” hat, dass das Sterben ein essentieller Teil des Lebens ist, der wird dann mit dem “absoluten” Ende auch besser zurechtkommen und demzufolge auch besser leben können!? Vielleicht liegt das Geheimnis des Lebenlernens auch darin zu lernen, dass es nichts zu lernen gibt, jedenfalls nicht in dem Sinne wie wir es in der westlichen Gesellschaft glauben. Da kommt dann wieder mein Demutsbegriff ins Spiel. Lernen kann man vielleicht, dass es eine übergordnete Regelmäßigkeit gibt, der wir uns fügen müssen. Niemand entkommt diesem Rhythmus. Das zu verinnerlichen ist möglicherweise der Schlüssel zu einem glücklichen Leben. Und DAS zu lernen, bzw. zu lehren wäre – so sehe ich das – eine wichtige Aufgabe, die so nicht mehr stattfindet. Wer ist denn da, der die Kinder initiiert, der ihnen zeigt, dass es so IST dass wir sterben. Ich glaube erwachsen ist man in dem Moment, in dem man das (demütig?) annimmt. Da gibt es so einen schönen Vortrag von Thorwald Detleffsen zu… Der Erwachsene macht sich einfach nichts mehr vor, er leugnet nicht mehr, dass er ohnmächtig dem Ganzen gegenüber ist, denn niemandem ist bislang gelungen, dem Tod zu entkommen. Allein das Kind glaubt, dass ihm nichts passieren kann, weil immer jemand da ist, der auf es aufpasst (bestenfalls). Und dann ist da diese komische Zwischenstufe, in der wir uns nun befinden, wo die Verleugnung ins Spiel kommt. Wo Menschen scheitern (was höchst natürlich ist!) und sie nicht in der Lage sind (warum auch immer), dieses Scheitern als solches anzunehmen. Das Scheitern ist im Grunde ja auch nichts anderes als ein kleiner Tod. Und letztlich ist das auch wieder alles Theorie, was ich/wir hier betreiben… Und daher ja auch meine Frage, ist das Reden darüber nicht auch schon wieder eine Form der Verleugnung?