Gemeinhin wird das Internet als ein Nicht-Ort jenseits der Realität wahrgenommen. Als etwas, das mit dem wahren Leben, das sich außerhalb digitaler Welten abspielt, kaum etwas gemein hat, sondern vielmehr als Bedrohung analoger Ordnung existiert. So als gäbe es ein Hier, an der Tastatur vor dem Bildschirm, und ein Dort, jenseits des Bildschirms. Wir beginnen uns mit anderen Augen zu sehen, sobald wir unser Bild im Spiegel des Computers erblicken, lautet der erste Satz des 1999 erstmals in deutscher Sprache erschienenen Buches Leben im Netz. Identitaet in Zeiten des Internet
der Soziologin Sherry Turkle. Doch warum ist das so?
Meine Theorie, die ich auch meiner (Doktor)Arbeit zugrundelege, besagt, dass das Internet ein rasant wachsendes soziales Feld in bourdieu’schem Sinne ist, das wiederum in eine es umgebende soziale Ordnung eingelagert ist. Dieses junge Feld, wird in seiner relativen Unstrukturiertheit einerseits als Bedrohung sozialer Ordnung empfunden, wie u.a. Publikationen wie Frank Schirrmachers Payback oder Eva Illouz’ Essay “Partner, Tausch und Börse” in der FAS vom 13.11.2011 zeigen. Andererseits birgt es gerade in seiner Strukturlosigkeit ein wertvolles Potential, das meinen Recherchen zufolge bislang kaum in ausreichendem Maße gewürdigt wird. Einer, der das versucht ist Alexander Pschera, der in seiner kürzlich im Berliner Verlag Matthes & Seitz erschienenen Apologie der sozialen Medien
eine Utopie des Web2.0 entwirft, deren Ursprung er im Mythischen und in der Geschichte sieht. Auf gut 100 Seiten schält er aus einem allgemeinen Wust an Kritik, Angst, Irrwegen und Vorurteilen einen wertvollen Kern heraus, der einer genaueren Betrachtung würdig ist:
Für Pschera ist das soziale Netz eine Vorschule der Kommunikation, eine neue Form demokratischer Macht, die spontane Zugänge zu einem noch nicht machtpolitisch verschlüsselten Leben öffnet. Er sieht im sozialen Netz einen Weg zurück zur Unmittelbarkeit, die in den auf Sichtbarmachung fixierten Inszenierungen des Sozialen verlorengegangen ist, sprich, einen Raum, der von Kausalitäten des Alltags befreit ist. Gleichwohl gestaltet er diesen nicht als Abbildung der Wirklichkeit, sondern als eine Wirklichkeit für sich, eine Gegenthese zum Leben in melancholischer Form und vergleicht ihn mit dem einer antiken Tragödie: So wie die Tragödie speist sich auch der poetische Raum der sozialen Medien aus den Schicksalen und Motivationen des wirklichen Lebens jenseits der Mauer. Wir begegnen in diesem Raum uns selbst und unserem Leben, aber in verwandelter, poetischer Form. Das besondere, so Pschera: Wir werden in diesem Raum ästhetisch erzogen. Wir erleben unsere Katharsis, die uns reinigt und stärkt für die Begegnungen im echten Leben, wie sie sich beispielsweise in Form der Liebe zeigen. Diese beschreibt Pschera im Sinne des Apostel Paulus mit Eigenschaften wie Langmut, Wertschätzung des Anderen, Güte und Toleranz, als Verwirklichung der sozialen Natur des Menschen, die sich in dieser Form im sozialen Netz nicht unmittelbar ereignen kann, weil es kein Ort des Ich-und-Du ist, kurz, weil das Ich kein Gegenüber in einem Du finden kann. Doch sieht Pschera im Netz das Potenzial, uns nicht nur im Hinblick auf Gemeinschaft, im Hinblick auf eine neue, utopische Form des Sozialen zu verändern, sondern auch uns selbst als Liebesfähige wiederzuerkennen.
Über all dem kommt die Publikation nicht als klassisches Sachbuch daher, sondern nimmt den Leser vielmehr mit auf eine kontemplative Reise. Pschera versteht es, einen imaginativen Raum zu schaffen, der mithilfe von Bezügen auf Kunst, Mythologie und Literatur ein sanftes Umdenken ermöglicht und eine Erlösung aus beängstigenden, übermannenden Strukturen greifbar macht. Das soziale Netz gibt es nicht per se. Vielmehr schaffen wir es erst, indem wir im digitalen Raum Spuren unseres Lebens hinterlassen. Während ich in meiner Arbeit am Beispiel des Phänomens Modeblog zu zeigen versuche, wie Herrschaftsstrukturen bei der Ausbildung neuer sozialer Felder reproduziert werden und ich damit eher ein pessimistisches Bild der Zukunft male nach dem Motto Es bleibt alles so wie es ist, weil der Mensch immer nur das tut was er kennt, bleibt Pschera ganz Optimist, indem er anhand einer Analyse der Funktionsweisen von social media Plattformen wie Facebook die Möglichkeiten zur Emanzipation aus habituellen Strukturen herausarbeitet. Die Voraussetzung des Über-sich-selbst-hinaus-Wachsens, für die Erfüllung der Utopie, die Pschera in dieser Deutlichkeit allerdings in seiner Publikation nicht erwähnt, ist, das das spätmoderne Leistungssubjekt, wie es der Karlsruher Philosoph Byung-Chul Han, den wir spätestens seit seines Entwurfs der Müdigkeitsgesellschaft kennen könnten, in seiner Topologie der Gewalt
nennt, den Ursprung seines Schmerzes in sich selbst erkennt und damit auch die Notwendigkeit aus sich selbst heraus zu einer Linderung zu gelangen. Womit wir beim “Haken” in der Umsetzung der Pschera’schen Utopie angelangt wären.
An anderer Stelle steht, dass es Pschera in seiner intellektuellen Arbeit um eine Rückgewinnung von religiösen Zeichen und Bildern zu tun ist. Ihm geht es darum, Fragmente einer katholischen Moderne zu erhalten im Kampf gegen die ideologische Geschichtsschreibung der Moderne, die den Fehler begangen habe, das aufgeklärte Fortschrittsdenken der Gesellschaft und der Technik auf den Bereich der Ästhetik zu übertragen. Insofern ist seine Apologie auch, an vielen Stellen mal mehr, an anderen weniger, als Kapitalismuskritik zu lesen.
Den ewig Jammernden serviert Pschera keine Lösung auf dem Silbertablett. Vielmehr ist jeder selbst angehalten, die Dinge, die der Ozean des Netzes an die Küste unseres Lebens spült, aufzunehmen oder auch liegen zu lassen. Wir können sie einzeln betrachten oder beliebig kombinieren. Wir können sie ins Meer zurückwerfen oder auch nicht. WIR stehen am Ozean der Dinge. Und dort stehen wir alleine, ohne jemanden, der uns erklären könnte, wie die Dinge zu ordnen seien. Die Antwort auf die Frage danach liegt in uns selbst, doch darauf zu hören, hat uns die Leistungsgesellschaft, um weiterhin als solche stabil funktionieren zu können, nie lernen lassen, während sie uns gleichzeitig denen, die es uns hätten lehren können entriss. Jetzt sitzen wir hilflos wie Kinder vor unseren Computermonitoren und suchen nach etwas, das wir dort so nie finden werden. Wie wir es allerdings mit Hilfe des Netzes außerhalb dessen finden könnten, das erzählt uns Alexander Pschera. Die Suche an sich erspart er uns allerdings nicht.
Alexander Pschera: 800 Millionen: Apologie der sozialen Medien.
Erschienen: 16. November 2011
Verlag: Matthes & Seitz Berlin.
Zum Blog (von Alexander Pschera und Peter Trawny)
Veranstaltungshinweis am 07.12.2011 in Berlin.








