Sucht und Suche.

Nachdem ich die letzten drei Nächte damit verbracht hatte Pflanzen gegen Zombies zuerst auf dem iPad und nachdem ich es wieder zurückgegeben hatte auf dem iPhone zu spielen begann ich mir langsam Sorgen zu machen. Spätestens dann, als mein Körpertherapeut gestern ohne von meiner neuen Spielsucht zu wissen meinte, dass ich in emotional angespannten Situation die Tendenz hätte zum Zombie zu werden – ich verkrampfe mich, höre auf klar zu denken, vergesse was ich will, atme fast nicht mehr und fühle nichts -, dachte ich zum ersten Mal daran, die App wieder zu löschen. Solange man das Gefühl hat, die Sucht im Griff zu haben, gibt das einem ein erhabenes Gefühl und ich kann zu fast jeder meiner Sucht genau sagen, warum ich sie habe und dass ich glaube, dass ich sie jederzeit, träte der Ersatz für den ich sie pflege ein, aufgeben. Der Alkohol und die Zigaretten z.B. oder auch die Sucht nach primitiven Computerspielen oder die Magersucht. Alles Süchte, die im Keim in mir angelegt sind, die ich kennenlernen durfte, die aber bisher nicht zur vollen Blüte gelangten. Macht es einen nun souveräner, um seine Suchtpotentiale zu wissen?

Meine Bibel ist das von Thorwald Detlefsen und Rüdiger Dahlke herausgegebene Werk Krankheit als Weg. Darin kann man nachlesen, wie die unterschiedlichen körperlichen Leiden gekoppelt sind an seelische Hilferufe. Wichtig ist zu wissen, dass Sucht und Suche in einem direkten Verhältnis stehen. Detlefsen beschreibt das so: “Alle Süchtigen suchen etwas, machen jedoch auf ihrer Suche zu früh halt und bleiben so auf einer Ersatzebene stecken.” Suchen solle nämlich zum Finden führen und dadurch erlöst werden. An anderer Stelle: “Alle großen Helden aus Mythologie und Literatur sind auf der Suche – Odysseus, Don Quichote, Parzival, Faust -, doch sie hören nicht auf zu suchen, bis sie gefunden haben. Die Suche führt den Helden durch Gefahr, Wirrsal, Verzweiflung und Dunkelheit. Doch wenn er findet, lässt ihn das Gefundene alle Anstrengungen nichtig erscheinen.” Jeder Mensch ist, so Detlefsen, auf der Irrfahrt und wird dabei zu den eigenartigsten Gestaden der Seele verschlagen – doch er sollte nirgends hängen- und haftenbleiben, sollte nicht aufhören zu suchen, bis er gefunden hat.
Bezogen auf mein nächtliches Zombiespiel mag dies ein wenig übertrieben erscheinen. Doch was tue ich da wirklich, was tut derjenige, der ohne Alkohol im Blut nicht mehr einschlafen kann, der, der nicht mehr weiß, wie er aufhören soll zu essen, der der zwei Schachteln Zigaretten pro Tag raucht, der, der jede Nacht mit jemand anderem vögelt, der, der immer das neueste Auto/Handy/Schuh- oder Taschenmodell den neuesten Apple-Rechner die coolste Clubmitgliedschaft etc. braucht (an dieser Stelle ist automatisch auch immer die weibliche Form gemeint!)?
“Suchet und ihr werdet finden…” heißt es irgendwo in der Bibel. Wer sich nun aber, so Dethlefsen, von den Prüfungen und Gefahren, den Mühen und Wirrnissen des Weges abschrecken lässt, wird süchtig. Er projiziert das Ziel seiner Suche auf etwas, was er auf dem Weg bereits gefunden hat, und beendet seine Suche. Er verleibt sich ein Ersatzziel ein und wird nicht satt. Das trickreiche daran ist, dass er den Hunger immer und immer wieder versucht durch die Ersatznahrung zu stillen ohne zu bemerken, dass dadurch der Hunger nur noch immer größer wird. Das fatale ist, dass der Süchtige sich dabei kaum eingestehen mag, dass er süchtig geworden ist, dass er sich im Ziel geirrt hat und dass er weiter suchen müsste.
“Vermeintliche” körperliche Abhängigkeiten wie der z.B. vom Nikotin werden gerne als Entschuldigungen für ein Nicnt-Weiter-Müssen angeführt und die Sucht dadurch glorifiziert, nach dem Motto, ich kann halt nicht aufhören, ich bin süchtig wobei gerade dies das Traurige ist, da gesteht sich jemand ein abhängig zu sein von etwas und verspürt nicht den dringenden Wunsch in sich, frei zu sein, unabhängig vom Irdischen, sondern bleibt lieber zurück in Angst, Bequemlichkeit und Verblendung. “Sucht ist Feigheit vor neuen Erfahrungen” und “Wer sein Leben als Reise begreift und immer unterwegs ist, ist ein Suchender, kein Süchtiger.” Um sich als Suchender zu begreifen, muss man sich seine Heimatlosigkeit eingestehen. Wer an Bindungen glaubt, ist bereits süchtig.
Aber was dann? Was passiert wenn man erkannt hat, dass man süchtig ist und auch weiß, dass man es nicht sein möchte, wenn man entschieden hat, dass man lieber Suchender, als Süchtiger sein möchte. Geschichten sind darüber viele geschrieben worden, von denen, die auszogen, das Leben zu lernen. Eine Anleitung dafür gibt es aber nicht, kein Buch, das einem erzählt was man wann wie machen sollte und man kann sich die Zeit sparen darüber Esoratgeber zu lesen, Selbstfindungsbücher, denn diese halten einem im Grunde nur davon ab, die Dinge zu ändern, die sich ändern lassen und die zu akzeptieren, die sich nicht ändern lassen und manch einer mag dem Trugschluss erliegen, schon etwas getan zu haben, im alleinigen Lesen des Buches oder im Schreiben eines Textes darüber.

Am 27.05.2011 bereits hier veröffentlicht.



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