Das Lendendenken.
Umberto Eco beschreibt in seinem Aufsatz „Das Lendendenken“ seine Erfahrungen im Tragen von Blue Jeans. Dabei geht es ihm besonders darum, zu erläutern, wie der spezifische Stoff auf seiner Haut, sein Körpergefühl und damit letztlich auch sein Verhalten änderte: „Infolgedessen lebte ich nun im Bewusstsein, Jeans anzuhaben (während man ja gewöhnlich lebt, ohne dauernd daran zu denken, dass man Hosen anhat). Ich lebte für meine Jeans und benahm mich infolgedessen wie einer, der Jeans anhat. Will sagen, ich nahm eine Haltung an.“
Bemerkenswert an dieser Aussage ist, dass „Jeans“ heute für gewöhnlich als Freizeitkleidung wahrgenommen werden, als solche, die ihrem Träger, im Gegensatz zur Arbeitskleidung, eine Art Freiheit vermitteln sollen. So bemerkt Eco selbst: „Seltsam, dass es ausgerechnet das traditionell zwangloseste und antikonformistischte Kleidungsstück war, dass mit eine Förmlichkeit aufzwang, ein Benehmen. (…) Die Jeans zwangen mich zur Kontrolle meiner Bewegungen, machten mich zivilisierter und reifer.“
Mag es auch nicht jedem Jeansträger gehen wie ihm, so zeigt diese exemplarische Beschreibung doch deutlich, wie bestimmte Stoffe und Kleidungsschnitte nicht nur Einfluss üben auf die Art und Weise, wie der bekleidete Körper von außen wahrgenommen wird, sondern auch wie man sich selbst in seinem Körper empfindet und wie sich diese Empfindungen durch eine bestimmte Kleiderwahl verändert. Die Soziologin Joanne Entwistle beschreibt es wie folgt: „Dress (…) forms part of our epidermis – it lies on the boundary between self and others (…) it forms a second skin which is not usually object of conscoiusness.“ Ein Bewusstsein tritt in der Regel erst dann ein, wenn wir etwas tragen, dass uns nicht passt, sei es aufgrund der falschen Passform des Kleidungsstückes, eine Erfahrung, die Entwistle als „very private and sensual“ beschreibt oder sei es weil wir das Falsche an einem bestimmten Ort tragen, beispielsweise zu leger gekleidet sind zu einem offiziellen Anlass. Entwistle spricht dann von einer „experience about the relationship of dress to the social world“.
Diese Kleiderfahrungen sind auch immer Körpererfahrungen. Eco schreibt: „So elastisch (die Jeans) waren, ich spürte um meinen Unterleib eine Art Rüstung. Ich konnte den Bauch nicht in der Hose bewegen, sondern nur mit der Hose. Ein Umstand der den eigenen Körper sozusagen in zwei voneinander unabhängige Hälften teilt, eine von der Gürtellinie aufwärts, befreit von der Kleidung, und die andere vom Gürtel abwärts bis zu den Knöcheln, organisch mit der Kleidung verwachsen.“ Er kommt letztlich zu dem Schluss, dass „(e)in Kleidungsstück, das einem die Hoden einzwängt, (…) einen anders denken (lässt).“ Und an anderer Stelle: „Die Kleidung zwang mich nicht nur zu einer Haltung, sondern die Konzentration meiner Aufmerksamkeit auf diese Haltung zwang mich auch zu einer außengerichteten Lebensweise. (…) Ich dachte jetzt immerzu an das Verhältnis zwischen mir und den Hosen und an das Verhältnis zwischen den Hosen und der Gesellschaft ringsum. Ich hatte ein Hetero-Bewusstsein realisiert, beziehungsweise ein epidermisches Selbstbewusstsein.“
und weiter.
Quellen:
Umberto Eco: “Das Lendendenken”. In: Mode. Kleidungs als Bedeutungsträger. Hrsg. von Helga Stübs und Gisela Trautmann-Webeler. Hannover 1991, S. 73-75
Joanna Entwistle: “The Dressed Body”. In: The Fashion Reader. Hrsg. von Linda Welters und Abby Lillethun. Oxford 2007, S. 93 – 104



























